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Preprint Version. Erschienen in der Geographischen Zeitschrift, Ausgabe 102-(4), 212-231.
Ein sorgender Markt
Wie transnationale Vermittlungsagenturen für Seniorenbetreuung Im/mobilität,
Ethnizität und Geschlecht in Wert setzen
A market that cares
How transnational care agencies legitimize their business by monetizing im/mobility,
ethnicity and gender.
KARIN SCHWITER, CHRISTIAN BERNDT und LINDA SCHILLING,
Geographisches Institut, Universität Zürich, Winterthurerstrasse 190, CH-8057 Zürich
[email protected], [email protected], [email protected]
Dank: Wir bedanken uns bei unserer Kollegin Jasmine Truong, auf deren vorgängige Forschungsarbeiten wir für unseren Beitrag zurückgreifen konnten, sowie den Vermittlungsagenturen für die Bereitschaft, uns über ihre Tätigkeiten Auskunft zu geben. Zwei frühere Fassungen dieses Textes wurden im Zürcher Wirtschaftsgeographischen Kolloquium zur Diskussion
gestellt. Wir danken Huey Shy Chau, Katharina Pelzelmayer, Carolin Schurr, Simon Sontowski und den übrigen Teilnehmenden der beiden Kolloquien für ihre kritischen Kommentare und für die anregenden Diskussionen.
1
Zusammenfassung:
Neoliberalisierungsprozesse beinhalten nicht nur die Reduktion staatlicher Regulierungen und
Leistungen und deren Neugestaltung nach Wettbewerbsprinzipien. Sie haben auch die Logiken von Märkten selbst verändert. So wird die Grenzziehung zwischen Wettbewerb und Moral - zwischen ökonomischem Wert und gesellschaftlichen Werten - zunehmend brüchig.
Während öffentliche Dienstleistungen nach marktbasierten Anreizstrukturen umstrukturiert
werden, wird von Unternehmen neuerdings nicht nur verlangt Dienstleistungen zu günstigen
Preisen anzubieten, sondern darüber hinaus auch einen gesellschaftlichen Mehrwert zu erbringen.
Wir diskutieren diese Verschiebungen am Beispiel der Entstehung eines kommerziellen
Marktes für die 24h-Betreuung von älteren Menschen in Schweizer Privathaushalten. Unsere
Analyse zeigt auf, wie es gewinnorientierten Betreuungsagenturen gelingt, sich mit Hilfe von
diskursiven Im/mobilisierungen, Ethnisierungen und Vergeschlechtlichungen als Akteure eines „sorgenden Marktes“ zu positionieren und für sich in Anspruch zu nehmen, Betreuung
nicht nur kostengünstiger, sondern auch menschlicher anzubieten als der Staat.
Summary:
Processes of neoliberalization cannot be reduced to deregulation and cut-back of public services and their restructuring based on market principles. They include a new logic of how
markets themselves operate. The former distinction between competition and morals - between economic values and cultural values increasingly dissolves. While public services are
transformed according to market based incentives, companies are increasingly expected to
offer not only good services for low prices but also to contribute to a better society.
We discuss these changes in the constitution of markets in the example of the emerging market for commercial 24-h home care services for the elderly in Switzerland. Our analysis
shows how profit-oriented care agencies draw on discursive im/mobilizing, ethicizing, gendering in order to position themselves as part of a market that cares and to claim that they offer
care which is not only cheaper but also more caring than services offered by the state.
Schlagwörter: Neoliberalisierung, Mobilität, Care Markt, entgrenzte Arbeit, Schweiz
Keywords: neoliberalism, mobility, care market, flexible labor, Switzerland
2
1 Einleitung
In der Schweiz ist in den letzten fünf Jahren ein neuer Markt entstanden, in welchem privatwirtschaftliche Unternehmen 24-h-Betreuungsdienstleistungen für ältere Menschen anbieten.
Diese oft transnational agierenden Vermittlungsagenturen rekrutieren ihre Arbeitnehmerinnen
in den neuen deutschen Bundesländern, Ungarn, Polen und weiteren osteuropäischen Ländern, um sie dann als live-in Betreuerinnen in Schweizer Privathaushalten einzusetzen
(Truong et al. 2012)1. Mit ihren Angeboten tragen sie dazu bei, die Betreuung älterer Menschen im Privathaushalt einer Marktlogik zugänglich zu machen.
Die Emergenz dieses Marktes lässt sich in zweierlei Weise als Beispiel für Neoliberalisierungsprozesse lesen. Erstens ist die steigende Nachfrage nach Betreuungsdienstleistungen für
ältere Menschen unter anderem eine Folge entsprechender Restrukturierungen der staatlichen
Gesundheitsversorgung. Der neue Markt etabliert sich in der Betreuungslücke, welche sich
durch Veränderungen im schweizerischen Pflege- und Betreuungssystem geöffnet hat. Diese
betreffen insbesondere den größeren Konkurrenzdruck und die „Taylorisierung“ im stationären Spitalbereich, im öffentlich (mit)finanzierten ambulanten Pflege- und Betreuungswesen
und in den Alters- und Pflegeheimen. So wird das aus fordistischen Produktionsbetrieben bekannte Streben nach Effizienzsteigerung durch Standardisierung und zeitliche Optimierung
der Arbeitsschritte zunehmend auch auf Gesundheitsdienstleistungen übertragen (Greuter
2013).
Zweitens positionieren sich die neu entstehenden Dienstleistungsunternehmen als sozialere
Alternative zu den taylorisierten öffentlichen Betreuungsangeboten. Sie vermitteln eine Vorstellung von Markt, der staatlich organisierten Angeboten überlegen ist. So grenzen sie sich
dezidiert von der auf Effizienz und Kostenreduktion getrimmten öffentlichen Gesundheitsversorgung ab. Der Markt, so die Argumentation, kann die Betreuung von älteren Menschen
nicht nur kostengünstiger, sondern auch menschlicher anbieten. Hier bestehen Bezüge zu einem Verständnis von Markt, bei dem Wettbewerb und Moral, ökonomischer Wert (Preis einer
Ware) und gesellschaftliche Werte (soziale und kulturelle Normen der Bewertung von Produktqualitäten) nicht länger im Widerspruch zueinander zu stehen scheinen.
Man könnte solche Repräsentationen als leicht zu durchschauende strategische Marketingmanöver betrachten. Stimmt man jedoch der Diagnose einer wachsenden Zahl von Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftlern zu, dass sich die Logik der kapitalistischen Marktwirtschaft in der gegenwärtigen Phase der Neoliberalisierung geändert hat und dass die
3
Grenzziehungen zwischen Markt und Gesellschaft seit einiger Zeit neu verhandelt werden
(Caliskan/Callon 2009; Mitchell 2009), dann lohnt es sich, einen näheren Blick auf das Phänomen zu werfen.
Wir gehen davon aus, dass die diskursive Konstruktion eines Marktes mit menschlichem Antlitz im Bereich sozialer Dienstleistungen eine wichtige Facette dieser Verschiebung ist. Vor
diesem Hintergrund stellen wir uns die Frage, wie in der Schweiz ein „sorgender Betreuungsmarkt“ im Privathaushalt hervorgebracht wird. Wir nehmen dabei Bezug auf die bestehende Forschung zu Prozessen der Neoliberalisierung und zur Care Migration. Unsere Empirie fokussiert auf privatwirtschaftlich organisierte Home Care Unternehmen und analysiert
ihre Legitimationsstrategien aus einer diskursanalytischen Perspektive. Basierend auf Interviews mit Geschäftsführerinnen und Geschäftsführern dieser Vermittlungsagenturen zeigen
wir auf, wie sie auf Diskurse der Individualität, Bezahlbarkeit, Emanzipation und Entwicklung Bezug nehmen, um ihre Dienstleistungen als Win-Win-Situation für alle Beteiligten und
damit als kostengünstigere und menschlichere Alternative zu staatlich organisierten Betreuungsangeboten darzustellen.
In
einem
zweiten
Schritt
machen
wir
sichtbar,
welche
Subjektivierungen
und
Im/mobilisierungen in ihre Argumentationsweisen eingelagert sind. So basiert die Legitimation tiefer Löhne und entgrenzter Arbeitszeiten auf diskursiven Ethnisierungen und Vergeschlechtlichungen. Wir zeigen auf, wie der Betreuungsmarkt Im/mobilitäten der Arbeitnehmenden voraussetzt und festschreibt. Diese selektiven Grenzziehungen erlauben den Betreuungsunternehmen die Selbstverortung als Akteure eines „sorgenden Marktes“.
2 Die Kommodifizierung von Betreuungsdienstleistungen unter neoliberalen Vorzeichen
2.1 Verschiebungen in der kapitalistischen Marktwirtschaft
Die jüngere sozialwissenschaftliche Forschung konzeptualisiert Neoliberalismus nicht als eine konsistente hegemoniale Ideologie, sondern vielmehr als ein flexibles Konglomerat von
Diskursen, Regulierungen und Praktiken, die sich den jeweiligen geographischen und historischen Kontexten anpassen, sich aber ihrerseits in diese Kontexte einschreiben und neue Realitäten schaffen (Ong 2007; Brenner et al. 2010; Collier 2012). Während eine erste Phase von
Neoliberalisierungsprozessen im Globalen Norden überwiegend durch Deregulierungs- und
Privatisierungsmaßnahmen geprägt war (roll-back neoliberalism), werden diese in der gegen-
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wärtigen zweiten Phase zunehmend durch markt-basierte Anreizsysteme und Neuregulierungen ergänzt und abgelöst (roll-out neoliberalism) (Peck/Tickell 2002).
„Neoliberalisierung“ lässt sich deshalb nicht auf einen linearen Prozess der Ausdehnung von
Marktbeziehungen reduzieren, bei dem der Staat als Regulierungsinstanz zurücktritt und spiegelbildlich eine marktförmige Steuerung der Wirtschaft an Bedeutung gewinnt. Es handelt
sich vielmehr um Prozesse, welche beide gesellschaftlichen Institutionen in den vergangenen
Jahrzehnten umgestaltet haben. Während der Staat auf der Basis betriebswirtschaftlicher Rationalitäten und unter einem Wettbewerbsprimat neu definiert wird, haben sich die Herstellung und Vermarktung materieller Güter und Dienstleistungen ebenso verändert wie das Verständnis von Märkten in der Bevölkerung. Zunehmend wird von Firmen erwartet, dass sie
nicht nur Produkte zu möglichst günstigen Preisen anbieten, sondern darüber hinaus einen
Mehrwert für die Gesellschaft erbringen. So sollen sie Verantwortung für die sozialen und
ökologischen Implikationen ihrer Produktionsprozesse übernehmen und mit ihren Produkten
und Dienstleistungen zu einer besseren Gesellschaft beitragen (O'Neill 2012). Die lange Zeit
starre Grenzziehung zwischen ökonomischem Wert und gesellschaftlichen Werten wird dadurch zunehmend brüchig.
In der wissenschaftlichen Literatur wird diese Verschiebung mit Bezug auf Begriffe wie „corporate social responsibility“ (Beschorner 2006), „social economy“ (Amin 2009) und „community economy“ (Gibson-Graham et al. 2013) in unterschiedlicher Weise diskutiert und ihr
eine wachsende Bedeutung zugeschrieben (O'Neill 2012). Die Diskussion umfasst dabei nicht
nur eine geänderte Sicht auf die ökonomischen Realitäten und sondern auch eine grundlegende Kritik an den Postulaten der abstrakten, modellorientierten neoklassischen Ökonomik.
Wir vertreten in diesem Artikel die Ansicht, dass wir mit einer neuen Qualität ökonomischer
Prozesse konfrontiert sind, anerkennen aber gleichzeitig, dass die zweifellos zu beobachtenden Verschiebungen auch mit gegenläufigen Bewegungen verbunden sind. So wird die auf
der Utopie eines atomisierten, vollkommen rationalen ökonomischen Menschen gründende
Marktlogik immer wieder neu eingeschrieben. Es ist aus unserer Sicht gerade diese ambivalente Spannung, die dem gegenwärtigen Kapitalismus seine Dynamik verleiht. Deutlich wird
dies in jüngeren empirischen Arbeiten, die sich von verschiedenen Ansätzen der pragmatischen französischen Wirtschaftssoziologie inspirieren lassen. Dazu zählen konventionsökonomische bzw. -soziologische Interventionen (vgl. z.B. Boltanski/Chiapello 2006; Stark
2009) und Beiträge, die sich unter dem programmatischen Label „Social Studies of Economi-
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zation“ versammeln (vgl. Caliskan/Callon 2010; und aus einer geographischen Perspektive
Berndt/Boeckler 2012).
Besonders anschaulich zeigen sich diese Ambivalenzen und Spannungsfelder bei der Frage
nach der Rolle von Identitätszuschreibungen und Im/mobilisierungen in der Wirtschaft. Im
Unternehmensalltag werden geschlechtsspezifische und kulturelle Zuschreibungen durch neue
Human Ressource Management-Technologien, Diversitätsmanagement und unternehmenskulturelle Repräsentationen ökonomisch in Wert gesetzt (Kossek/Pichler 2008). Im Idealfall mobilisieren die Unternehmen dabei ihre Arbeitskräfte auf indirekten Wegen, in dem sie diese
dazu bringen sich freiwillig auf der Basis solcher Merkmale einzubringen und mit der jeweiligen Tätigkeit zu identifizieren (Tsing 2009, 40f.). Gemäß der neoliberalen Logik werden
Arbeitskräfte dabei als kompetitive, autonome und selbstverantwortliche Subjekte konstituiert. Sie verstehen sich nicht als Gruppe von Arbeitskräften mit gemeinsamen Interessen, sondern als individuell unterschiedliche, selbständige Unternehmerinnen und Unternehmer ihrer
selbst (Michalitsch 2006; Bröckling 2007).
Auf der Ebene der Arbeitsbeziehungen werden dadurch die Grenzen zwischen Ausbeutung
und Selbstausbeutung verwischt. Einerseits werden die Beschäftigten dazu gebracht, diese
Zuschreibungen zu akzeptieren und ihre eigene Selbsteinschätzung mit den zugewiesenen
Rollen zu verknüpfen (Larner 2012). Die Beschäftigten werden dazu ganz im Sinne eines paternalistischen Liberalismus „ohne Zwang gezwungen“. Sie identifizieren sich mit den
Fremdzuschreibungen und füllen die damit verbundenen Rollen aus. Betreuerinnen vermitteln
Fürsorge und Liebe (vgl. Hochschild 2006), ganz so wie Prostituierte eine bestimmte Form
von Sexualität und ständige Verfügbarkeit kommunizieren müssen (vgl. Löw/Ruhne 2011)
oder Börsenhändler Aggressivität, Rücksichtslosigkeit und Risikofreude (vgl. McDowell
1997). Nur diese Performanzen garantieren ökonomischen Erfolg. Geschlechter- oder ethnische Zuschreibungen sind im neoliberalen Kapitalismus deshalb nicht länger nur ein partikularistisches Anhängsel zum zentralen Problem der Kapital-Arbeitsbeziehungen. Kommodifizierung sozialer Verschiedenheit als Ressource und Asset im unternehmerischen Wettbewerb
macht vielmehr bestimmte Formen von Arbeit erst möglich (Tsing 2009, 161).
Die Kommodifizierung von Verschiedenheit geht dabei oft mit einer Neuaushandlung räumlicher Grenzziehungen einher. Sie basiert auf der Herstellung und Inwertsetzung von Mobilitätsunterschieden und schafft Konstellationen, in der stabile Lebenszusammenhänge der einen
von der räumlichen Mobilität der anderen abhängen, räumliche Mobilität vieler Akteure
gleichzeitig aber auch notwendigerweise auf Immobilität anderer angewiesen ist (vgl. Bol 6
tanski/Chiapello 2006, 399-401). Ziel unseres Beitrags ist es, die beschriebenen Verschiebungen in der Konstitution von Märkten und insbesondere die dafür typische Inwertsetzung von
Identitätszuschreibungen und Im/mobilisierungen am Beispiel des neuen Marktes für Home
Care-Betreuungsdienstleistungen sichtbar zu machen.
2.2 Neoliberalisierungsprozesse in der staatlichen Pflege- und Betreuung: Sonderfall
Schweiz?
Zunächst gilt gerade auch bei der gegenwärtigen Renaissance bezahlter privater Sorge- und
Haushaltsarbeit, dass sie durch Veränderungen auf der Seite des Staates ermöglicht wird. In
der Gesundheitsversorgung zeigt sich dies in vielen Ländern unter anderem in der Einführung
von New Public Management-Methoden mit dem Ziel, Gesundheitsdienstleistungen jeder Art
„effizienter“ anzubieten (OECD 2011a). Häufig angewandte Maßnahmen bilden die Schaffung von Wettbewerbssituationen zwischen Gesundheitsdienstleistern, sowie die Einführung
von Markttechnologien wie Fallpauschalen und Zeitabrechnungssystemen (siehe z.B.
England et al. 2007 zur Restrukturierung der ambulanten Pflege im kanadischen Ontario;
sowie van Riemsdijk 2010 zu Norwegen).
In diesem Zusammenhang zeichnet sich ein deutlicher Trend weg von der stationären Gesundheitsversorgung in spezialisierten räumlichen Settings wie Spitälern und Pflegeheimen
hin zur ambulanten Versorgung ab (Milligan/Power 2009). Informelle räumliche Arrangements wie lokale Gemeinschaftszentren und der Privathaushalt werden zunehmend als idealere Orte für die Erbringung von Gesundheitsdienstleistungen betrachtet (Hall 2011). Diese
neuen „landscapes of care“ (Milligan/Wiles 2010, 738) verwischen bestehende Grenzziehungen zwischen privat und öffentlich, zwischen formeller und informeller Arbeit und veränderen herkömmliche Gesundheitspraktiken ebenso wie die Machtgefüge und Abhängigkeiten
zwischen Personen, die Gesundheitsdienstleistungen empfangen und jenen, die sie erbringen
(Atkinson et al. 2011). Insbesondere Privathaushalte wandeln sich von reinen Wohnumfeldern zu Arbeitsplätzen für eine grösser werdende Anzahl an Beschäftigten im Gesundheitssektor (Dyck et al. 2005).
Dabei wird dem privaten Markt eine immer größere Rolle in der Gesundheitsversorgung zugewiesen. Pflege und Betreuung werden kommodifiziert und marktförmig gemacht
(Green/Lawson 2011). Die Individuen und Haushalte werden durch diese Restrukturierungen
immer mehr zu Konsumentinnen und Konsumenten auf dem Markt der Gesundheitsdienstlei 7
stungsunternehmen (Hall 2011). Diese neuen Politiken im staatlichen Gesundheitsmanagement beinhalten nicht per se einen Rückzug des Staates aus der Versorgung, sondern eine
Neudefinition seiner Rolle im Verhältnis zu kommerziellen Gesundheitsdienstleistungsunternehmen und privaten Haushalten (Theobald 2008).
Mit Bezug auf die Schweiz muss zunächst darauf hingewiesen werden, dass die Schweiz in
der vergleichenden Wohlfahrtsstaatenforschung schon immer als „Problemfall“ gegolten hat.
Einschlägige Werke stellten die Schweiz einmal auf die Stufe liberaler angelsächsischer Wirtschaftssysteme (z.B. Esping-Andersen 1989, 25), ein anderes Mal verortete man das Land in
einer Gruppe mit koordinierten Wohlfahrtsstaaten wie z.B. Deutschland oder Schweden
(Albert 1992, 18; Hall/Soskice 2001, 19). Michael Nollert (2007) verweist in diesem Zusammenhang auf eine Sonderrolle des Landes: Die Schweiz war in der Epoche des fordistischen
Wohlfahrtsstaats immer schon ein relativ liberales Land und wurde folgerichtig in die Nähe
des liberalen angloamerikanischen Modells gerückt. Die darauf folgende tiefgreifende Liberalisierung, die sich ab den 1980er Jahren in vielen nördlichen Wohlfahrtsstaaten vor allem in
einem Rückzug des Staates geäußert und diesen grundlegend verändert hat, wurde von der
Schweiz nur in Teilen nachvollzogen. Der Schweizer „Sonderweg in die Neoliberalisierung“,
zeichnet sich folglich daraus aus, dass er auf den radikalen Rückbau des Staates (roll-back
neoliberalism) verzichten konnte, wie er an anderen Orten vollzogen wurde, weil die Schweiz
von vornherein in vielen Bereichen auf individuelle anstelle von staatlichen Vorsorgelösungen gesetzt hatte.
Das lässt sich auch an der jüngsten Diskussion um die Finanzierung von Betreuungsdienstleistungen illustrieren. Anders als in Ländern wie Deutschland und Frankreich stellte sich die
Mehrheit der politischen Entscheidungstragenden beispielsweise stets gegen die Einführung
einer verpflichtenden Pflegeversicherung. Bevorzugt wurden statt dessen steuerliche Anreize
zur freiwilligen individuellen Vorsorge (z.B. Forster-Vannini 2006; OECD 2011b). In den
Policy-Dokumenten einschlägiger Organisationen finden sich wiederholt Plädoyers für
Selbstverantwortung und für einen zurückhaltenden Staat (z.B. Forster-Vannini 2006; KSG-N
2007; FDP 2011; SVP 2012). Um die Betreuung von älteren Menschen sicher zu stellen, werden dabei Strategien für eine vermehrte Mobilisierung informeller sozialer Netzwerke (beispielsweise eine „Zeittauschbörse“) und eine Stärkung informeller Betreuungsarrangements
innerhalb der Familie propagiert (Bundesrat 2007, 13f.; Oesch/Künzi 2008). So tragen die
privaten Haushalte in der Schweiz rund 60% der Kosten für die Langzeitpflege aus der eigenen Tasche. In den allermeisten anderen OECD-Ländern liegt dieser Eigenanteil unter 20%
(OECD 2011b).
8
Darüber hinaus haben insbesondere die Restrukturierungen im Schweizer Gesundheitssystem
maßgeblich zur Herausbildung eines Marktes für kommerzielle Betreuungsdienstleistungen
beigetragen (Medici/Schilliger 2012, 18). Bei den Spitälern hat die zwischenzeitlich flächendeckende Einführung von Fallpauschalen zur Abrechnung medizinischer Leistungen zu kürzeren Spitalaufenthalten geführt. Patientinnen und Patienten werden nach Eingriffen früher
aus der stationären Betreuung entlassen. Infolgedessen sind insbesondere ältere Menschen in
der ersten Zeit nach ihren Spitalaustritten stärker auf Betreuung durch Dritte angewiesen
(Greuter/Schilliger 2010, 154). Die 2012 in Kraft getretene freie Spitalwahl intensiviert zudem die Konkurrenz unter den Spitälern. Um in diesem Umfeld zu bestehen, haben viele Spitäler weitere Maßnahmen zur Kostenoptimierung initiiert (Madörin 2013, 133). Unter anderem werden beispielsweise vermehrt ambulante anstelle von stationären Eingriffen durchgeführt (Interpharma 2013, 40f.). Dies bringt eine weitere Externalisierung von Betreuungsleistungen mit sich.
Die Alters- und Pflegeheime sind seit 2011 verpflichtet, medizinisch indizierte Pflegeleistungen strikt von Betreuungsleistungen abzugrenzen. Während erstere größtenteils durch die
Krankenversicherungen und die öffentliche Hand finanziert werden, bleiben die Betreuungsanteile und die so genannten Hotelleriekosten für Unterkunft und Verpflegung ungedeckt und
müssen vollumfänglich von den betreuten Personen getragen werden (BSV 2011, 53). Der
monatliche Eigenbeitrag für die Betreuung in einem Alters- und Pflegeheim beträgt durchschnittlich 8.100 Franken (6.600 Euro) (EVD 2011), wobei ein Teil der Pflegebedürftigen Zuschüsse aus der Hilflosenentschädigung und Ergänzungsleistungen für Personen mit Einkommen unter dem Existenzbedarf beantragen kann2. In der scharfen Abgrenzung zwischen
den Kostenarten kommt erneut der Wille der politischen Entscheidungstragenden zum Ausdruck, dass Betreuung im Gegensatz zu medizinisch indizierten Pflegeleistungen in der finanziellen Verantwortung der Einzelnen verbleiben soll. Zudem wird mit dieser Maßnahme eine
Konkurrenzsituation geschaffen, in welcher Alters- und Pflegeheime in einen Wettbewerb um
Betreuungsleistungen und -kosten eintreten.
Die öffentlich (mit)finanzierten Organisationen, welche medizinische Pflegeleistungen und
teilweise auch hauswirtschaftliche Tätigkeiten im Privathaushalt anbieten (in der Schweiz genannt „Spitex“ als Abkürzung für spitalextern), haben im Zuge von New Public Management
strikte Zeitabrechnungssysteme eingeführt (Greuter 2013). Diese definieren auf die Minute
genau, wie viel Zeit dem Pflegepersonal bei jedem Hausbesuch für die einzelnen Behandlungsschritte zur Verfügung steht. Diese Taylorisierung unterstellt die Pflegekräfte starkem
zeitlichem Druck, so dass oft wenig Zeit für persönliche Gespräche mit den Kundinnen und
9
Kunden bleibt (Greuter/Schilliger 2010, 155). Da die Krankenversicherungen in der Schweiz
auch bei der spitalexternen Gesundheitsversorgung nur die medizinisch erforderlichen Pflegeleistungen übernehmen, müssen die Kosten für ambulante Betreuungs- und Hauswirtschaftsdienstleistungen von den hilfsbedürftigen Personen und ihren Angehörigen auch hier selbst
getragen werden (Medici/Schilliger 2012, 17).
Die Rolle der öffentlichen Hand zeichnet sich in der Schweiz folglich durch zwei Charakteristika aus: Erstens zeigt sich eine fortwährende Zurückhaltung bei der staatlichen
(Mit)Finanzierung von Betreuungsdienstleistungen für ältere Menschen. Zweitens lassen sich
in sämtlichen Bereichen der öffentlich finanzierten Gesundheitsversorgung neu geschaffene
Wettbewerbssituationen und Markttechnologien beobachten. Es findet folglich eine marktbasierte Umgestaltung staatlicher Betreuung und Pflege statt, eine Ausdehnung einer marktwirtschaftlichen Rationalität auf bisher weitgehend geschützte Bereiche, die in der Literatur auch
als „marketization“ (Berndt/Boeckler 2012) diskutiert wird.
2.3 Private Betreuungsagenturen als neue Akteure eines „sorgenden Marktes“
Die beschriebenen Veränderungen im Bereich der staatlichen Altenpflege und -betreuung bilden den Kontext, in welchem sich ein von privaten Anbietenden getragener Betreuungsmarkt
etablieren konnte. Gleichzeitig besteht auch in der Schweiz ein ausgeprägter Trend zu einer
individualisierteren Lebensführung. Aufgrund veränderter Werthaltungen entsprechen Altersund Pflegeheime oft nur ungenügend dem Wunsch nach Selbstbestimmung der älteren Menschen (Höpflinger et al. 2011, 12). Das starke Bedürfnis nach Autonomie hat den Verbleib in
den eigenen vier Wänden zum Ideal werden lassen. So wünschen sich viele ältere Menschen,
bis zum Lebensende in der gewohnten Umgebung betreut zu werden und dadurch ihren Tagesablauf auch im hohen Alter so weit als möglich selbst bestimmen zu können
(Seifert/Schelling 2013).
Vor diesem Hintergrund bilden kommerzielle Home Care-Betreuungsdienstleistungen eine
attraktive Möglichkeit, den Umzug in ein Alters- und Pflegeheim zu vermeiden (EDI 2010).
Zwar übersteigt eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung mit einheimischem Personal die finanziellen Möglichkeiten der meisten Pflegebedürftigen. Aufgrund des erforderlichen Schichtbetriebs mit drei bis vier Betreuungspersonen würde sie mehrere 10.000 Franken im Monat kosten. 24h-Betreuungsarrangements mit Migrantinnen, die im Haushalt der Betreuungsbedürftigen leben, werden jedoch bereits zu Preisen zwischen rund 4.500 und 13.500 Franken (3.700
10
bis 11.000 Euro) pro Monat angeboten (Truong et al. 2012, 12). Je nach Arrangement liegen
die Kosten damit tiefer als der Eigenbeitrag für einen Betreuungsplatz in einer stationären
Einrichtung.
Als Folge davon kommt für die Betreuung im Privathaushalt eine wachsende Zahl an Migrantinnen zum Einsatz. Neben informell beschäftigten Betreuerinnen, die meist über private
Netzwerke rekrutiert werden, erscheinen zunehmend Unternehmen auf dem Markt, welche
die Vermittlung von Betreuungspersonal und die Organisation von verschiedenen Dienstleistungen in Privathaushalten übernehmen (Alleva/Moretto 2011). Im Unterschied zu Betreuungsmärkten in anderen Kontexten, erfüllen die kommerziellen Betreuungsagenturen in der
Schweiz nicht nur die Funktion von Vermittlern zwischen Betreuungspersonal und Betreuungsbedürftigen, sondern sind auch direkte Arbeitgebende des Personals.
Zur Größe und Entwicklung des weitgehend unregulierten Betreuungsarbeitsmarkts liegen
keine gesicherten Zahlen vor. Das Arbeitsmarktsegment ist statistisch besonders schwer erfassbar, da der Arbeitsort Privathaushalt weitgehend vom öffentlichen Blick abgeschirmt ist
und einen großen Anteil an irregulärer Arbeit aufweist. Schätzungen zufolge liegt die Anzahl
der Arbeitnehmenden, die in Schweizer Privathaushalten beschäftigt werden, bei etwa
125.000 Personen (Unia Die Gewerkschaft 2007). Etwa 30.000 davon verrichten Haus- und
Betreuungsarbeit in Haushalten von älteren Menschen (Rietbrock 2011).
Die angebotenen Dienstleistungen siedeln sich hauptsächlich im nicht-medizinischen Bereich
an. Sie beinhalten sowohl hauswirtschaftliche Aufgaben wie Kochen, Putzen, Waschen als
auch Betreuungsaufgaben wie etwa zusammen fernsehen. Die Angebotspalette reicht von einer stundenweisen Betreuung bis hin zu einem Rund-um-die-Uhr-Angebot, bei dem eine Betreuungsperson während 24 Stunden anwesend ist. Bei Letzterem kann weiter zwischen einem
Live-in- und einem Live-out-Modell differenziert werden. Beim live-out Modell wechseln
sich täglich mehrere Personen im Schichtsystem ab und gewährleisten so die Betreuung rund
um die Uhr. Das live-in Modell hingegen wird von einer Person allein ausgeführt, die im gleichen Haushalt lebt wie die zu betreuende Person und somit immer abrufbereit ist. Typischerweise teilen sich beim live-in Modell zwei Betreuende eine Arbeitsstelle, wobei abwechselnd
eine Betreuungsperson mehrere Wochen bei der hilfsbedürftigen Person lebt und arbeitet, bevor sie von der Zweiten abgelöst wird (Schilliger 2009; Truong et al. 2012).
In der orthodox-ökonomischen Forschung werden solche Arbeitsvermittlungsunternehmen als
neutrale Intermediäre verstanden, die Märkte durch ihre Tätigkeiten effizienter machen. Diese
11
Konzeptualisierung ignoriert jedoch bestehende Machtdifferenzen zwischen Arbeitssuchenden und Arbeitgebenden und übersieht, dass privatwirtschaftliche Vermittlungsagenturen
durch ihren Service einen Profit generieren (Strauss/Fudge 2013). Wie neuere Forschungsarbeiten aus verschiedenen geographischen Kontexten hervorheben, kommt ihnen bei der Definition von Arbeitsbedingungen und Arbeitsorganisation eine Schlüsselrolle zu (für einen
Überblick siehe Coe 2012). Die Vermittlungsunternehmen definieren Normen und Standards
der angebotenen Betreuungsdienstleistungen und fungieren als Gatekeeper auf dem Arbeitsmarkt.
Das zunehmende Auftreten verschiedener Formen von Arbeitsvermittlung gilt länderübergreifend als einer der wichtigsten Trends auf den heutigen Arbeitsmärkten. In der für die Vermittlung typischen dreiecksförmigen Arbeitsbeziehung ist oft unklar, wer als Arbeitgeber gilt. Als
Folge dieser Entgrenzung bleibt ungeregelt, wer die Verantwortung für Löhne und Arbeitsbedingungen trägt, was dazu führt, dass die Arbeitsbedingungen oft zu Ungunsten der Arbeitnehmenden ausfallen (Strauss/Fudge 2013).
Auch in der Pflegemigration wird den Vermittlungsagenturen eine zentrale Rolle zugeschrieben (Bernstein/Vallée 2013). Bisher haben sich jedoch vergleichsweise wenige Forschungsarbeiten auf sie konzentriert. Ausnahmen bilden unter anderem Eelens und Speckmann
(1990), die am Beispiel von Sri Lanka dokumentieren, dass auch in offiziellen Vermittlungsagenturen illegale Praktiken verbreitet sind. Am Vergleich von Polen und Deutschland zeigt
Krawietz (2010) zudem, inwiefern das Selbstverständnis und die Akzeptanz der Vermittlungsagenturen je nach institutionellem Kontext unterschiedlich ausfallen. Obwohl in der wissenschaftlichen Diskussion weitgehende Einigkeit besteht, dass Vermittlungsunternehmen im
globalisierten Markt für Betreuungskräfte als Schlüsselakteure fungieren, ist der derzeitige
Kenntnisstand bezüglich ihrer Funktionsweisen, Praktiken und Logiken noch lückenhaft.
2.4 Bewegungen über Grenzen
Abgesehen von den noch vergleichsweise selten analysierten Vermittlungsagenturen, existiert
in der Forschung zur Migration von Pflege- und Betreuungskräften bereits eine breite Wissensbasis. Eine Vielzahl von Studien dokumentiert, wie Pflegemigrantinnen – praktisch ausschließlich Frauen – entlang eines internationalen Lohngefälles von ärmeren in reichere Länder migrieren, um in den dortigen Privathaushalten Haus- und Betreuungsarbeiten zu verrichten (Ehrenreich/Hochschild 2002; Lutz 2005; England et al. 2007; Pratt 2012). Durch die
12
Care-Migration entstehen Betreuungsketten, die den ganzen Globus umspannen können.
Hochschild (2006) und andere weisen dabei darauf hin, dass es die Rekrutierung von Pflegemigrantinnen den Ländern im Globalen Norden erlaubt Betreuungsarbeit auszulagern, dem
Globalen Süden dadurch jedoch Pflege- und Betreuungskräfte entzogen werden. Dem „care
gain“ im Norden steht ein „care drain“ im Süden gegenüber, wo beispielsweise Kinder in
weitgehender Abwesenheit ihrer migrierten Elternteile aufwachsen (siehe hierzu jüngst z.B.
Graham et al. 2012). Hochschild (2006) argumentiert, heute sei „Liebe“ das neue Gold, welches die Länder des Nordens aus den Ländern des Südens extrahieren, kommodifizieren und
akkumulieren.
Die globalen Betreuungsketten sind dabei stets geschlechtsspezifisch und ethnisch kodiert.
Qua ihres Frauseins und ihrer Herkunft wird den Betreuerinnen eine besondere Befähigung
für die Sorgearbeit in den Haushalten des Nordens zugesprochen, ganz unabhängig davon,
welche beruflichen Qualifikationen sie mitbringen (England 1997; Cox 2012). So gelten
Frauen aufgrund ihres Geschlechts als bescheiden und anpassungsfähig, gepaart mit überdurchschnittlichen emotionalen Fähigkeiten. Analog wird ihre ausländische Herkunft in Wert
gesetzt, indem diese beispielsweise mit einer ausgeprägten Familienorientierung und großem
Respekt gegenüber älteren Menschen assoziiert wird (Greuter 2013). Es handelt sich bei der
Care Migration folglich um ein Migrationsregime, in welchem die zuvor beschriebene Inwertsetzung von sozialer Verschiedenheit als unternehmerische Ressource besonders deutlich
sichtbar wird.
Die bisherigen Forschungsarbeiten zur Pflegemigration beleuchten insbesondere die transnationalen Arbeits- und Lebensverhältnisse der Migrantinnen und ihrer Familien (siehe z.B.
Ehrenreich/Hochschild 2002; Hess 2009; Schilliger 2009; Karakayali 2010; Pratt 2012). Wie
die Studien zeigen, arbeiten Betreuerinnen oft für einen geringen Lohn und unter prekarisierten Bedingungen (EDI 2010). In vielen Fällen haben die Frauen keine formellen Anstellungsverträge, keinen Zugang zu Sozialversicherungen, Arbeitslosenunterstützung und Gesundheitsversorgung und auch keine Möglichkeiten, ihre Rechte als Arbeitnehmerinnen einzufordern (Anderson 2006; Hess 2009). Wie Karakayali (2010) feststellt, gilt dies auch im Kontext
der innereuropäischen Pflegemigration, wo die Betreuerinnen oft über einen legalen Aufenthaltsstatus und eine Arbeitsbewilligung verfügen. Einige Arbeiten weisen jedoch auch darauf
hin, dass die Migrantinnen und ihre Angehörigen nicht nur passive Opfer ihrer schwierigen
Lebenssituationen sind, sondern aktiv Handelnde, die diverse Strategien anwenden, um ihre
Lebensumstände zu verbessern (jüngst z.B. Strüver 2011; Truong 2011). Während das Gros
der vorhandenen Studien die Lebenssituationen der Betreuerinnen in den Blick nehmen, ste 13
hen in unserer Studie die Legitimationsstrategien der Vermittlungsunternehmen im Fokus des
Interesses.
3 Methodologie
Unsere empirische Analyse basiert auf einem diskurstheoretischen Forschungsansatz in Anlehnung an Foucaults „Archäologie des Wissens“ (1981). Darin legt Foucault erstmals detailliert sein Vorgehen bei der empirischen Analyse von Diskursen dar. Im Vergleich zu seiner
später entwickelten genealogischen Methode, welche in der Gouvernementalitätsforschung
aufgrund ihrer stärkeren Fokussierung auf Instrumentarien der Macht und die Formation des
Subjekts, sowie ihrem Einbezug von nicht-textbasierten Technologien und Praktiken derzeit
häufiger rezipiert wird, legt die Archäologie den Schwerpunkt auf die Produktion von Wissen
(Scheurich/Bell McKenzie 2005). Sie konzentriert sich auf sprachlich verfasste Diskurse und
fragt danach, wie über bestimmte Themen gesprochen wird und welche Wahrheiten dabei
hervorgebracht werden. Sie zählt damit zu den poststrukturalistischen Ansätzen der Diskursforschung (vgl. Reuber/Pfaffenbach 2005, 218ff).
Unsere methodische Vorgehensweise bei der Auswertung des empirischen Materials folgt
Waitts (2010) Vorschlägen zur Durchführung einer foucaultschen Diskursanalyse in der geographischen Forschung. Neben der Analyse dessen, was in einem Diskurs als wahr und
selbstverständlich gilt, legt Waitt einen besonderen Fokus darauf, herauszuarbeiten was unerwähnt bleibt (Waitt 2010, 235ff). Beides dient dazu, der Sprache inne liegende gesellschaftliche Machtverhältnisse sichtbar zu machen. Indem Aussagenmuster zueinander in Beziehung
gesetzt werden, zeigt diese Form der Diskursanalyse auf, was zu einem bestimmten Zeitpunkt
aus einer bestimmten Subjektposition im Diskurs sagbar ist und welche Selbstverortungen sie
erlaubt. In unserer Empirie verwenden wir dafür den Begriff der Legitimationsstrategien (vgl.
Edley/Wetherell 1999).
Wie Mattissek (2007, 42) aufzeigt, bieten diskursanalytische Ansätze in der Wirtschaftsgeographie die Möglichkeit „auch ökonomische Rationalitäten als machtgeladene und sozial hergestellte Deutungssysteme zu interpretieren – ein Blickwinkel, der gerade in Zeiten der Neoliberalisierung, in der ökonomische Notwendigkeiten als weitgehend unhinterfragte Legitimationsgrundlage einer Vielzahl gesellschaftlicher Umstrukturierungen gelten, hochaktuell ist“
(Mattissek 2007, 40). In diesem Sinne versucht der vorliegende Beitrag die Selbstverständlichkeiten und unhinterfragten Wahrheiten in den Sprechweisen von Unternehmerinnen und
Unternehmern im Pflege und Betreuungsmarkt herauszuarbeiten.
14
Für die hier präsentierten Resultate wurden ausgehend von einer Internetrecherche rund 40
Unternehmen identifiziert, die kommerzielle Betreuungsdienstleistungen in der Deutschschweiz anbieten. Alle 40 Unternehmen wurden um ein Interview angefragt. Auf diese
schriftliche Anfrage hin, teilweise nach zusätzlich telefonischem Nachfragen, konnten 16
Vertreterinnen und Vertreter von Betreuungsunternehmen für die Studie gewonnen werden.
In den meisten Fällen waren die befragten Personen die Geschäftsführerinnen oder Geschäftsführer der Unternehmen. Die freiwillige Teilnahme an der Studie bewirkte eine Positivselektion jener Unternehmen, welche sich öffentlich äußern und als legal arbeitende Dienstleistungsunternehmen positionieren wollen.
4 Eine Win-Win-Situation? Betreuungsagenturen als Akteure eines „sorgenden Marktes“
4.1 „Wir haben Zeit für eine individuelle Betreuung“ - die menschlichere Alternative zu den
öffentlich finanzierten Betreuungsangeboten
Beschreiben die Unternehmen ihre Dienstleistungen, so knüpfen sie an drei gesellschaftliche
Diskurse an: der Wunsch nach Individualität, Verfügbarkeit von Zeit und Betreuungsqualität.
In Bezug auf Individualität werben sie damit, eine maßgeschneiderte Betreuung anbieten zu
können, die den ganz spezifischen Bedürfnissen, Vorlieben und Lebenssituationen der Kundschaft entspricht. Eine Geschäftsführerin eines Betreuungsunternehmens sagt diesbezüglich:
„Die Betreuerinnen wissen, in den 14 Tagen sind sie für den betagten Menschen da und versuchen das Bestmögliche zu machen (…), mit allem was dazugehört und was auch gewünscht
wird.“
Die Individualisierung des Angebots besteht darin, dass die betreuten Personen in ihrer gewohnten Umgebung bleiben können und nicht in ihnen unbekannte, institutionalisierte Settings wie ein Spital oder ein Alters- und Pflegeheim umziehen müssen. Entsprechend können
sie nicht nur ihre Wohnräume, sondern auch ihre Tagesabläufe selbstbestimmt nach individuellen Präferenzen gestalten. Ein Unternehmensvertreter beschreibt die Vorteile des eigenen,
individualisierten Angebotes in Abgrenzung zu einem Altersheim: „Wir sind einfach nicht
Fan von Altersheimen, (... wo) sie plötzlich nur noch unter alten Leuten sind und man keine
Zeit mehr für sie hat vor allem. Und sie ihre ganze Individualität und einfach ihre Autonomie
abgeben müssen. Bei uns können sie das behalten. Sie sind der Chef.“
15
Das „Zeit haben“ als zweites Alleinstellungsmerkmal ergibt sich durch das Eins-zu-einsBetreuungsverhältnis. Während das Personal in anderen Betreuungskontexten gleichzeitig für
mehrere Personen zuständig ist und jeder einzelnen nur beschränkt Zeit widmen kann, kümmern sich Live-in-Betreuerinnen um nichts anderes als das Wohlergehen einer einzelnen Person. Oder in den Worten einer Geschäftsführerin: „Die Spitex hat keine Zeit und wir haben
Zeit.“ Braucht die betreute Person bei irgendeiner Tätigkeit Unterstützung, ist ihre Betreuerin
sofort verfügbar. Gemäß den Unternehmen bietet diese Eins-zu-eins-Betreuung ein Gefühl
der Sicherheit für die Kundschaft.
Dabei schreiben die Unternehmen ihren Betreuerinnen aufgrund ihres Geschlechts und ihrer
Herkunft besondere Betreuungsqualitäten zu: „Weil die Qualität der polnischen Damen ist
oftmals höher als die eines Deutschen oder eines Schweizers oder eines Franzosen. Weil die
ein anderes Pflegeverständnis mitbringen. Von zu Hause aus. Die sind einfach sehr liebevoll,
sehr fleißig, nehmen sich ein bisschen mehr zurück, wissen nicht alles besser, achten mehr auf
die ganze Situation.“ „In Polen ist es einfach so, dass man sehr familienbezogen ist, und dass
man zum Beispiel ältere Personen sehr respektvoll behandelt. Und das machen unsere Betreuerinnen auch.“ Verweise auf kulturalisierte und vergeschlechtlichte Vorstellungen von
polnischen Frauen dienen hierbei als Qualitätsausweis für die angebotenen Dienstleistungen.
Mit dieser Bezugnahme auf Individualität, zeitliche Verfügbarkeit und Betreuungsqualität
grenzen sich die neu entstandenen Marktakteure explizit von staatlich (mit-)finanzierten Betreuungs- und Pflegeinstitutionen ab. Sie werben damit, dass es ihnen eben nicht nur um „die
reine Durchführung der Pflege oder Betreuung als Dienstleistung“ gehe, sondern vor allem
„um menschliche Wärme, um Herzlichkeit“. Neben der gemeinsam erledigten Hausarbeit
bleibe viel Zeit für Gespräche, für Spaziergänge und für die Pflege der „Seele unserer Kunden“. Sie positionieren sich dadurch als Vertreterinnen und Vertreter eines „sorgenden Marktes“, die der Gesellschaft einen Mehrwert bringen, indem sie älteren Menschen und ihren Familien maßgeschneiderte und qualitativ hochwertige Betreuungslösungen für ein individuelles, autonomes und würdiges Leben im Alter anbieten.
4.2 „Es muss am Ende des Tages bezahlbar sein“ - Der Einsatz von Live-inPendelmigrantinnen zur Schaffung eines günstigen Betreuungsangebots
Im beschriebenen Schweizer Pendelmigrationsmodell wohnen die Betreuerinnen für die Dauer ihrer mehrwöchigen Einsätze in den Haushalten der betreuten Personen. Die Unternehme 16
rinnen und Unternehmer sehen dieses Live-in-Betreuungsarrangement als ideale Lösung, weil
es in vielen Fällen weniger kostet als ein Betreuungsplatz in einem Alters- und Pflegeheim
und auch wesentlich günstiger ist, als eine Betreuung durch Arbeitnehmende mit festem
Wohnsitz in der Schweiz: „Also wir verlangen jetzt ähm, wir haben drei Betreuungsstufen,
das geht von 7.400 bis 9.000 und etwas. Und da müssen wir natürlich schon klar sehen, wenn
wir Personal aus der Schweiz nehmen, können wir das nicht gewährleisten.“ Wie das Zitat
deutlich macht, kann das Ideal das Alter in den eigenen vier Wänden zu verbringen gemäss
den Befragten erst durch ausländisches Personal erschwinglich(er) gemacht werden.
Nichtsdestotrotz bedauern die Unternehmen, dass ihre Dienstleistungen noch immer nicht für
alle Bevölkerungsschichten bezahlbar sind. Den Hauptgrund dafür lokalisieren sie in der
Schweizer Gesetzgebung, die für Betreuungs- im Gegensatz zu medizinisch erforderlichen
Pflegeleistungen keine Mitfinanzierung durch die Krankenkassen oder die öffentliche Hand
vorsieht. Dies wird von vielen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern angemahnt:
„Darum ist es eigentlich nur für den, der es sich leisten kann. Und das ist eigentlich das Einzige, wo ich Mühe habe. Das finde ich unfair. (…). Aber es sollte sich ja jeder irgendwie leisten können, der das will“.
Für die Unternehmen steht folglich das uneigennützige Motiv im Vordergrund, mit ihren erschwinglichen Betreuungsangeboten einer möglichst breiten Bevölkerungsschicht den
Wunsch nach dem Altern in den eigenen vier Wänden zu erfüllen. Ein Geschäftsführer sagt
dazu: „Aber letztlich ist es auch, geht es auch darum eben diesen alten Leuten etwas Gutes zu
tun. Und wirklich noch ein bisschen Freude – Und dass man ihnen den Wunsch, eben noch
längere Zeit zu Hause zu bleiben auch irgendwo erfüllen kann.“ Ein weiterer Interviewpartner
beschreibt die Motivation für seine Tätigkeit: „Und das, also ich fände das jetzt noch schön,
wenn man wirklich möglichst vielen Leuten, das zuhause Wohnen eben ermöglichen kann. Es
gibt nichts Schöneres.“ Mit dieser Legitimationsstrategie rücken sie den pekuniären Gewinn,
den sie mit ihren kommerziellen Dienstleistungen erwirtschaften, in den Hintergrund und betonen den sozialen Mehrwert, den sie mit ihrem Angebot für ein würdiges Altern der Gesellschaft bieten.
17
4.3 „Die Frauen haben die Chance wirklich viel Geld zu sparen.“ Arbeitsstellen für Betreuerinnen als Beitrag zu Emanzipation und Entwicklung
Der Mehrwert ergibt sich in der Argumentation der Betreuungsagenturen nicht nur für die betreuten Personen und für die Schweizer Gesellschaft, sondern auch für die Betreuerinnen
selbst. Die Unternehmen betonen, sie böten Stellen für Frauen aus osteuropäischen Ländern
an, die in ihren Heimatländern nur sehr eingeschränkte Erwerbs- und Verdienstmöglichkeiten
hätten. Die Pendelmigration ermögliche den Frauen in wenigen Arbeitswochen in der
Schweiz einen vergleichsweise hohen Verdienst, ohne den Lebensmittelpunkt in ihren Herkunftsländern aufzugeben. Wie attraktiv die Stellen für die Betreuerinnen seien, wird dabei
jeweils mit Verweis auf die große Zahl der Bewerbungen belegt: „Wir haben extrem viele
Bewerbungen. Das muss man schon sagen. Also durch unsere Löhne einfach in der Schweiz
ist das so interessant für die Leute, dass wir da wirklich auswählen können.“
Der Verweis auf die eingeschränkten Erwerbs- und Verdienstmöglichkeiten bezieht sich dabei
nicht nur auf die allgemeine Situation in ihren Herkunftsländern, sondern implizit auch auf
die Erwerbschancen der Betreuerinnen als Frauen: „Und das sind einfach auch meistens eben
Frauen, meistens Frauen, 95 Prozent sind es Frauen. Auch Bewerbungen.“ Insofern stellen die
Agenturen die geschaffenen Arbeitsplätze auch als Beitrag zur Emanzipation dar. Sie erlauben es osteuropäischen Frauen, aus geschlechtsspezifischen Einschränkungen auf den Arbeitsmärkten und generell aus ihren Herkunftsländern auszubrechen und in der Schweiz neue
Erfahrungen zu sammeln. Ein Geschäftsführer resümiert: „Unsere Kräfte sind froh, dass sie
bei uns arbeiten können.“
Der Emanzipationsdiskurs wird dabei oft mit Verdienstmöglichkeiten in Zusammenhang gestellt. Die Arbeit als Pendelmigrantinnen in der Schweiz ermöglicht es den Frauen, maßgeblich zum Familieneinkommen beizutragen oder gar die Rolle der Hauptverdienerin zu übernehmen: „Sie ernähren zum Teil ganze Familien in Polen, nur mit ihrem Lohn. Und sie wohnen meistens in einem großen Einfamilienhaus und haben ein westliches Auto.“ Wie dieses
Zitat beispielhaft verdeutlicht, profitieren von der Pendelmigration aus Sicht der Unternehmen nicht nur die Frauen selbst, sondern ihre gesamten Familien. Indem sie Arbeitsstellen für
Frauen aus Osteuropa anbieten, argumentieren die Agenturen, tragen sie nicht zuletzt zur
wirtschaftlichen Prosperität dieser Länder bei.
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5. Entgrenzte Arbeit - Die Legitimationsstrategien der Betreuungsagenturen
5.1 „Eigentlich haben sie eine ganz normale Arbeitswoche“
Entgrenzte Arbeitszeiten zwischen Normalisierung und Spezialfallrhetorik
Während die Verweise auf Individualität, Bezahlbarkeit, Emanzipation und Entwicklung den
Unternehmen erlaubten, sich als wohlwollende Akteure eines „sorgenden Marktes“ darzustellen, verwenden sie gleichzeitig eine Reihe von Legitimationsstrategien, um Kritik an ihren
Geschäftsmodellen zu entkräften.
Der erste legitimationsbedürftige Aspekt betrifft die Arbeitszeiten. So beinhaltet das Versprechen der individualisierten Betreuung gegenüber der Kundschaft gleichzeitig die Anforderung
an die Betreuerinnen, grundsätzlich immer für die pflegebedürftige Person da zu sein. Die
Unternehmen setzen dafür auf die räumliche Kongruenz von Arbeits- und Wohnort als spezifisches Charakteristikum des live-in Arrangements. Durch das Zusammenleben im gleichen
Haushalt mit der hilfsbedürftigen Person sind die Betreuerinnen weit über ihre eigentlichen
Arbeitszeiten hinaus verfügbar. Auf diese problematische Entgrenzung der Arbeitszeit wird in
vielen Studien, die sich mit den Lebens- und Arbeitsbedingungen in 24-StundenArrangements auseinandersetzen, hingewiesen (vgl. Hess 2009; Schilliger 2009; Karakayali
2010; Truong 2011). Die von den Betreuerinnen erwartete Abrufbereitschaft zwingt sie zur
permanenten Anwesenheit im Haushalt und impliziert für sie eine weitreichende Immobilität.
Da es in der Schweiz keine gesetzlich vorgeschriebene Arbeitszeitenregelung für den Arbeitsort Privathaushalt gibt (Medici 2012, 7), versuchen die befragten Unternehmerinnen und
Unternehmer diesen Graubereich der Arbeitszeitenregelung mit einer diskursiven Grenzziehung zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit wiederherzustellen. Mehrfach wird von den Interviewpartnerinnen und Interviewpartnern darauf hingewiesen, dass ihre 24-StundenBetreuerinnen selbstverständlich nicht 24 Stunden arbeiten müssen: „Rund-um-die-Uhr heißt
einfach, dadurch dass der Mitarbeiter dort wohnt, ist er halt mehr anwesend. Das heißt nicht,
dass er verpflichtet wird, 24 Stunden in der Ecke zu warten, bis die andere Person ruft“. Hierfür schaffen die Unternehmerinnen und Unternehmer in ihren Sprechweisen eine Unterscheidung zwischen Präsenzzeit und Arbeitszeit: „Der Betreute liest zwei Stunden lang Zeitung.
Jetzt was macht der Betreuer? Er kann auch Zeitung lesen. Und dann ist das aber nicht mehr
Arbeit, sondern das ist dann eigenes Vergnügen.“ „Man wohnt in einer WG zusammen, ein
Teil ist auch geteilte Freizeit.“ Die erwartete Präsenzzeit wird folglich als Freizeit definiert,
obwohl die Betreuerinnen auch während dieser Zeit räumlich an ihren Arbeitsplatz/Haushalt
gebunden und damit in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind. Die Arbeitszeit hingegen
19
wird klar festgelegt, vertraglich festgehalten und beträgt meist zwischen fünf und neun Stunden täglich (Truong et al. 2012, 19). Ein befragtes Unternehmen gibt beispielsweise an: „Also
im Arbeitsvertrag haben wir die neun Stunden“. Der Verweis auf die vertraglich festgelegten
Arbeitsstunden kann als Normalisierungsstrategie gelesen werden. Sie positioniert die Betreuungsarbeit im Privathaushalt als eine normale Dienstleistung wie jede andere auch, das
heißt mit geregelten Arbeitszeiten und einem geregelten Einkommen. Mit dieser Festsetzung
von regulären Arbeitszeiten im Vertrag machen die Unternehmen die Betreuungsarbeit marktförmig und sichern sich zudem rechtlich ab.
Gleichzeitig wird in den Äußerungen der Befragten sichtbar, dass diese vertragliche Regelung
in der Praxis anders gehandhabt wird. So sind die Sprechweisen diesbezüglich meist mit einem „aber“ verbunden: „Eigentlich haben sie eine ganz normale Arbeitswoche“ und „nach
dem Vertrag arbeiten sie (…) zwischen fünf und sieben Stunden“. Diese Aussagen deuten
darauf hin, dass sich die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit im Alltag schwierig gestaltet.
Dabei stellt sich bei der Betreuungsarbeit im Privathaushalt nicht zuletzt die Frage, was überhaupt als Arbeit gilt: „Ist zusammen Fernsehen, ist das auch Arbeit?“, fragt eine Unternehmensvertreterin und gibt die Antwort gleich selbst: „Ich glaube, ich denke dass es schon zu
Situationen kommt, wo die Damen dann abends gemeinsam einen Film anschauen. Das gehört ja auch zum Gesellschaftlichen. Das ist ganz unterschiedlich, manche Kunden möchten
dann auch alleine sein, und möchten ihre Intimsphäre haben. Also das ist dann ganz individuell.“ Was als geteilte Freizeit und was als Arbeitszeit einzustufen ist, muss gemäß dem obigen
Zitat, folglich im Einzelfall geklärt werden. Darin kann neben der gezeigten Normalisierungsstrategie was die Arbeitszeit betrifft, ein zweites Argumentationsmuster ausgemacht werden:
Die Darstellung der Betreuung im Privathaushalt als Spezialfall. Da jeder Mensch anders ist
und andere Bedürfnisse hat, ist jede Betreuungssituation im Privathaushalt auch individuell zu
regeln: „Weil das, was man sich wünscht, Arbeitszeiten zwischen 9 und 17 Uhr, einfach so
nicht machbar ist. Das geht nicht. Man kann einen Menschen nicht in einen Schrank stellen,
wie ein Auto in eine Garage“.
In der Spezialfallrhetorik als selbstverständlich betrachtet und nicht explizit gemacht wird dabei der Umstand, dass die unmittelbaren Bedürfnisse der betreuten Person für die Arbeitnehmerinnen weitgehend unplanbar bestimmen, wann Arbeits- und wann Freizeit ist. Das Betreuungspersonal hat sich flexibel dem spontanen Unterstützungsbedarf der jeweiligen Kundschaft anzupassen und sich in den Kontext des Haushaltes einzufügen: „Dieses Management
[des Haushaltes] übergebe ich dir [der Betreuerin]. Du tust, für dass du deinen Job erfüllen
kannst, isst du dort, und duschst dich dort und schläfst dort. Und arrangierst dich mit der Fa 20
milie. Kommt vielleicht eine Tochter und sagt: Ich bin Lehrer, ich habe am Mittwochnachmittag frei, dann gehe ich zu meinem Mami zum Kaffeetrinken und zum Plaudern. Dann hast du
Ausgang. Ein Anderer sagt: Wir nehmen sie mal an einem Samstag oder Sonntag. Das ist
dann individuell.“ Die Bedürfnisse der Arbeitnehmenden nach geregelten Ruhezeiten und
planbaren freien Tagen für ihr eigenes Sozialleben werden in diesem Zusammenhang nicht
zur Sprache gebracht.
Mittels Spezialfallrhetorik wird im Sinne der eingangs besprochenen neoliberalen Subjektivierung von Arbeitskräften gleichzeitig ein Großteil der Verantwortung für die Einhaltung der
vertraglich festgelegten Arbeitszeiten an die Arbeitnehmerin übertragen. Kennzeichnend dafür ist die zitierte „Übergabe des Managements“. Analog verlangt eine Geschäftsführerin von
ihren Angestellten, ihre Ruhezeiten selbst einzufordern: „(In diesem Fall) muss ich sagen, ist
(…) der Abend halt lang, weil sie [die Kundin] schaut jeweils so lange fern. Wobei da muss
ich auch sagen, ihr [die Betreuerinnen] müsst einfach schauen. Also du musst aufstehen und
sagen: So ich bin müde, ich glaube, ich gehe langsam schlafen.“
Die Kongruenz von Arbeits- und Wohnort erlaubt es im Live-in-Arbeitsverhältnis folglich
einerseits, die Arbeit im Privathaushalt durch eine diskursive Grenzziehung zwischen Arbeitszeit und Präsenzzeit und eine Umdefinition letzterer in Freizeit zu normalisieren und auf
Ebene des Vertrages als ganz normales Arbeitsverhältnis darzustellen. Auf der anderen Seite
stellen die Befragten die Betreuungsarbeit als Spezialfall dar, in welchem die Arbeitszeit und
die Tätigkeiten individuell und selbstverantwortlich an den jeweiligen Haushalt anzupassen
seien. Diese situative Bezugnahme auf Normalität oder Abweichung ermöglicht es den Unternehmen, sich als legal operierende Arbeitgebende im Schweizer Betreuungsmarkt zu positionieren.
Die Betreuerinnen werden durch diesen Diskurs in einem Spannungsfeld positioniert: Einerseits sollen sie gemäß dem Postulat der individualisierten Betreuung in einer Art unterwürfigen Dienstbereitschaft immer für die Kundschaft da sein und all ihre Wünsche erfüllen. Auf
der anderen Seite sollen sie als „Managerinnen“ ihrer Haushalte eigenverantwortlich dafür
besorgt sein, dass sie ihre vertraglich vereinbarten Arbeitszeiten einhalten.
21
5.2 „Sie verdienen ein Vielfaches von dem, was sie zu Hause verdienen“
Die geographische Verortung der Entlohnung im Herkunftskontext
Der zweite legitimationsbedürftige Aspekt betrifft die tiefen Löhne der Betreuerinnen. Die
Schaffung dieses günstigen Betreuungsangebots für möglichst viele Bevölkerungsschichten
ist erstens nur deshalb möglich, weil die Betreuerinnen als Live-ins für ihre Präsenzzeiten ihre Immobilität - außerhalb der vereinbarten Arbeitsstunden nicht entlohnt werden und weil
ihre Bezahlung weit unter dem Schweizer Lohnniveau liegt. Angesprochen auf die Lohnfrage,
legitimieren die Befragten die Löhne ihrer Angestellten mit dem Umstand, dass der Lebensmittelpunkt der Betreuerinnen in ihrem Herkunftsland bleibe. Der Verweis auf die Mobilität
der Betreuerinnen erlaubt es ihnen, die Löhne nicht mit vergleichbaren Arbeitsstellen in der
Schweiz, sondern mit den Erwerbsmöglichkeiten in den Herkunftsländern der Betreuerinnen
zu vergleichen: „Unsere Kräfte verdienen auf jeden Fall soviel, dass sie sehr gerne, liebend
gerne kommen, weil sie ein Vielfaches von dem verdienen, was sie zu Hause verdienen“.
Die diskursive Verortung im Herkunftsland erlaubt es ihnen Schweizer und migrierte Arbeitskräfte voneinander abzugrenzen: „Ein Schweizer hat nun mal mehr Ansprüche als ein
Deutscher zum Beispiel. Weil er ja in der Schweiz lebt“ und: „Dann hat die Schweizerin selber eine Wohnung hier, einen Haushalt hier, eine Familie hier und die will zu Recht – hat sie
ihr Familienleben in der Schweiz. Und die will mal ins Kino und die will ausgehen und die
will nicht vier Wochen in A arbeiten, wenn sie in B wohnt.“ Die in diesen Zitaten sichtbar
werdende Grenzziehung zwischen Schweizer Betreuerinnen und Care Migrantinnen bezüglich
Lohnhöhe und Arbeitsorganisation erlaubt es, das tiefe Lohnniveau zu legitimieren: „Ich denke nicht, dass es Ausnützung ist. Es sind einfach zwei Lohnniveaus.“
Eine weitere Legitimationsstrategie der Unternehmen besteht darin, die Bezahlung als Stundenlohn auszudrücken. Die Befragten nennen jeweils zwischen 20 und 34 Schweizer Franken
(etwa 16 bis 28 Euro) brutto pro Stunde, was selbst für Schweizer Verhältnisse auf den ersten
Blick nicht sonderlich tief erscheint. Ausgeblendet wird mit der Nennung dieser Stundenansätze jedoch, dass ausschließlich die vertraglich festgelegten Arbeitszeiten entlohnt werden,
die meist bei nur fünf bis sieben Stunden täglich angesetzt werden (Truong et al. 2012, 18).
Die tatsächlich geleistete Arbeitszeit liegt jedoch in den meisten Fällen weit höher (Karner
1998).
Zudem blendet die Nennung von Stundenlöhnen aus, dass Live-in-Betreuerinnen in nahezu
allen Fällen maßgebliche Anteile des Lohnes für Kost und Logis abgezogen werden. Und
22
schließlich bleibt dabei unbeachtet, dass der Lohn eines Monats jeweils für zwei Monate reichen muss, da durch die Pendelmigration zwischen den Einsätzen ein Aufenthalt im Herkunftsland liegt und auch sämtliche Ferien- und Feiertagsentschädigungen im Lohn bereits
enthalten sind. So resultiert von dem auf den ersten Blick valablen Stundenlohn auf das ganze
Jahr umgerechnet ein durchschnittlicher Monatslohn von nur gerade 1'500 Franken (Truong et
al. 2012, 17). Gemäß Medici und Schilliger (2012, 18) sind auch Fälle bekannt, in denen den
Frauen für einen vollen Arbeitsmonat weniger als 1'000 Franken ausbezahlt wurden. Angesichts der vom Bundesamt für Statistik für die Schweiz errechneten Tieflohngrenze von 4'000
Franken, liegt dies weit unter einer existenzsichernden Entlohnung für ein Leben in der
Schweiz.
Die Legitimationsstrategie bezüglich Lohn basiert folglich darauf, dass die Entschädigung der
Betreuerinnen aus dem Arbeitskontext der Schweiz gelöst und argumentativ in den Kontext
ihrer Herkunftsländer transferiert wird, wo sie einem Vergleich Stand hält. Dieses Herauslösen beinhaltet eine Ethnisierung der live-in Betreuerinnen. Obwohl sie ihre Arbeitsmonate
durchgängig in der Schweiz verbringen, werden sie argumentativ nicht als Teil der Schweizer
Gesellschaft dargestellt, sondern mobilisiert und als Bewohnerinnen von Polen oder Ungarn
konstituiert (siehe hierzu auch Dobner/Tappert 2011, 144f).
Unthematisiert bleibt in dieser Darstellung zudem die teilweise beträchtliche Differenz zwischen den Löhnen der Betreuerinnen und den in Rechnung gestellten Kosten für das gesamte
Betreuungsarrangement. Die Unternehmen verrechnen sie für ihre Vermittlungs- und Administrationsdienstleistungen und verbuchen einen Teil davon als Unternehmensgewinn. Dieser
unternehmerische Vorteil bleibt in der Legitimation der Löhne für die Betreuerinnen unsichtbar.
6 „Vermarktlichter“ Staat – sorgender Markt?
Wie wir zeigen konnten, heben Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer von kommerziellen
Home Care Unternehmen insbesondere zwei Vorteile ihrer Dienstleistungen hervor: die permanente zeitliche Verfügbarkeit ihrer live-in Betreuerinnen, die den Betreuten eine individuelle und autonome Lebensgestaltung ermöglicht, sowie die Bezahlbarkeit des Betreuungsangebots für die Kundschaft und ihre Angehörigen. Den Betreuerinnen versprechen die Arbeitsstellen in der Schweiz Emanzipation und ihren Familien und ihren Herkunftsländern finanzi 23
elle Prosperität. Die Befragten positionieren ihre kommerziellen Betreuungsangebote dabei
explizit als sozialere und menschlichere Alternative zur taylorisierten und durch Zeitknappheit geprägten Gesundheitsversorgung der öffentlichen Hand.
Dieses Bild des „sorgenden Betreuungsmarktes“ basiert jedoch auf vergeschlechtlichten und
ethnisierten Subjektivierungen und Im/mobilisierungen der Betreuerinnen, die es erlauben,
ihre Arbeitsverhältnisse der Kritik zu entziehen. So ist die angepriesene Rund-um-die-UhrBetreuung nur dadurch möglich, dass die Betreuerinnen grundsätzlich 24 Stunden im Tag in
den Haushalten der betreuungsbedürftigen Personen anwesend und jeder Zeit verfügbar sind.
Die Unternehmen legitimieren die entgrenzten Arbeitszeiten mit einer Kombination aus Normalisierungs- und Spezialfalldiskursen. Einerseits wird die Arbeitszeit mit Verweis auf die im
Vertrag vereinbarten Arbeitsstunden als völlig normal dargestellt. Andererseits wird die Betreuung von älteren Menschen im Privathaushalt als Spezialsituation reklamiert, die die Betreuerinnen selbstverantwortlich zu managen hätten. Die diskursive Grenzziehung zwischen
Arbeits- und Präsenzzeit erlaubt es, die Anwesenheitszeit in Freizeit umzudefinieren. Unerwähnt bleibt dabei der Umstand, dass die Betreuerinnen sich auch während dieser „Freizeit“
nicht von ihrem Arbeitsort entfernen können und jederzeit auf Abruf bereit stehen müssen,
ohne dafür entlohnt zu werden. Sie werden immobilisiert.
Angesprochen auf die Entlohnung der Betreuerinnen nennen die Unternehmen Stundenansätze, welche Präsenzzeiten ausblenden, und sie vergleichen die bezahlten Löhne mit der Arbeitsmarktsituation und dem Lohnniveau in den Herkunftsländern der Pendelmigrantinnen.
Diese geographische Dislokation ermöglicht es ihnen, die Lohnfrage auch aus Sicht der Betreuerinnen als gewinnbringend darzustellen und von einer Win-Win-Situation zu sprechen.
Gemäß dieser Legitimationsstrategie bieten die Unternehmen den Betreuerinnen eine Erwerbsarbeit an, die weit besser bezahlt ist alle Arbeiten, die sie in ihren Herkunftsländern
ausüben könnten. Die Argumentation basiert dabei auf einer diskursiven Herauslösung der
Arbeitnehmerinnen aus dem Arbeitskontext Schweiz und auf einer Ethnisierung der Frauen
als Ungarinnen, Polinnen oder Ostdeutsche. Diese Abgrenzung der Pflegemigrantinnen von
einheimischem Betreuungspersonal erlaubt es den Unternehmen, von zwei verschiedenen
Lohnniveaus zu sprechen, auch wenn die Pflegemigrantinnen die gleiche Arbeit ausführen
wie einheimische Betreuerinnen.
Ausgeblendet wird dadurch, dass die bezahlten Löhne in der Schweiz bei weitem nicht existenzsichernd sind. Die Rechnung der Unternehmen geht nur auf, solange die Betreuerinnen
die ihnen zugewiesenen Privathaushalte während ihren mehrmonatigen Aufenthalten in der
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Schweiz kaum verlassen. Eine Teilnahme am sozialen Leben in der Schweiz, seien dies Theater- und Restaurantbesuche oder Ausflüge in die Berge, ist mit den bezahlten Löhnen nicht
finanzierbar. Die von den Home Care-Unternehmen als lukrativ dargestellte Bezahlung sieht
es folglich nicht vor, dass die Betreuerinnen am öffentlichen Leben teilhaben und sich in die
Schweizer Gesellschaft integrieren. Die Kombination von Präsenzverpflichtung und Entlohnung zwingt die Pendelmigrantinnen, ihr eigenes Leben auf die Monate zwischen den Arbeitseinsätzen im Herkunftsland zu verschieben und trägt zu ihrer Immobilisierung bei. Während ihren Aufenthalten in der Schweiz bleiben sie unsichtbare Dauerarbeiterinnen mit Temporärstatus.
Die Entwicklung des neuen Marktes für kommerzielle Home Care-Dienstleistungen weist
damit einige Spannungsfelder und Ambivalenzen auf, die wir für die neoliberale Umgestaltung von Marktbeziehungen als typisch erachten. Einerseits werden Grenzen durch die Schaffung transnationaler Arbeitsmärkte aufgelöst. Sie werden jedoch anderenorts neu gezogen: So
sind die Betreuerinnen aufgrund ihrer Pendelmigration gleichzeitig hochmobil und trotzdem
durch Entlohnung und Präsenzpflicht in ihren Haushalten immobilisiert. Andererseits werden
Arbeitskräfte gemäß der neoliberalen Logik gleichzeitig als willfährige Arbeitskräfte und als
selbständige Unternehmerinnen konstituiert. So werden die Betreuerinnen mit Verweis auf ihr
Geschlecht und Herkunftskontext als liebevolle, unterwürfige Familienfrauen angerufen.
Gleichzeitig wird ihnen als Managerinnen der Betreuungssituationen die alleinige Verantwortung für die Einhaltung ihrer Arbeitszeit zugewiesen. Hier dienen weder der vollkommene
Wettbewerb noch die uneingeschränkte Mobilität marktfundamentalistischer Ansätze als
Blaupause. Genau diese Widersprüchlichkeit erachten wir als charakteristisch für die gegenwärtige Herausbildung neuer kommerzialisierter Dienstleistungsmärkte und die globale Wirtschaft im Allgemeinen. Insofern - argumentieren wir - hat sich nicht nur der Staat, sondern
gleichsam der Markt unter neoliberalen Vorzeichen gewandelt.
Anmerkungen
1 Staatsangehörige der EU-Länder können im Rahmen der Personenfreizügigkeit legal in die
Schweiz einreisen und sich von Care-Unternehmen als Betreuerinnen anstellen lassen (Medici
2012). Im Februar 2014 stimmten die Schweizer Stimmberechtigten der so genannten „Masseneinwanderungsinitiative“ zu. Sie fordert, die Immigration zukünftig wieder über ein Kontingentsystem zu steuern. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt lässt noch nicht abschätzen, welche
25
Folgen die Annahme dieser Volksinitiative für die Personenfreizügigkeit mit der EU haben
wird.
2 Zum Vergleich: Einschliesslich Renten, Sozialleistungen und weiterer Transferbeiträge beträgt das durchschnittliche Einkommen eines Renterhaushalts in der Schweiz rund 5.900
Franken (4.840 Euro) im Monat. Über die Veränderung der Vermögenssituation sind keine
verlässlichen statistischen Aussagen erhältlich. Es ist jedoch generell davon auszugehen, dass
Rentnerinnen und Rentner einen Teil ihres Lebensunterhalt durch Vermögensverzehr bestreiten (BFS 2012, 10).
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