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CHRONIQUES ET COMPTES RENDUS

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CHRONIQUES ET COMPTES RENDUS
CHRONIQUES ET COMPTES RENDUS
PAYS DE LANGUE ALLEMANDE
Unseren Überblick beginnen wir wie gewohnt mit Hinweisen auf neue T e x t e d i ­
t i o n e n . Chronologisch an der Spitze steht diesmal eine ganze Textgruppe aus dem 8.
und dem Anfang des 9 . Jahrhunderts, nämlich die komputistischen Texte des Fränkischen
Reiches, denen sich A m o Borst schon sein geraumer Zeit in entsagungsvoller Arbeit
gewidmet hat. Nun haben die Ergebnisse seiner Forschungen in einem monumentalen
Werk Gestalt gewonnen : Schriften zur Komputistik im Frankenreich von 7 2 1 bis 8 1 8 .
Herausgegeben von A m o B o r s t . 3 Teile. (Monumenta Germaniae Histórica, Quellen
zur Geistesgeschichte des Mittelalters 2 1 ). Hannover : Hahn, 2 0 0 6 . LIV, VI, VI und 1 6 4 3
Seiten. ISBN 3 - 7 7 5 2 - 1 0 2 1 - 0 . — Über den Werdegang dieser Studien, die ihn seit 1 9 6 8
beschäftigen, und über ihre Stellung auf dem Felde der historischen Anthropologie äußert
sich der betagte Forscher in einem persönlich gehaltenen und bewegenden Vorwort. In der
Einleitung, die allein schon über 3 0 0 Buchseiten stark ist, befaßt er sich zunächst mit den
grundsätzlichen Problemen der Komputistik und ihrem Gegenstand, der Zeit : mit deren
Zählung, Bewertung, Bestimmung, mit dem Zeitgefühl, der Zeitrechnung und dem Zeit­
bewußtsein. Dann entwirft er eine Darstellung der Geschichte der Komputistik von der
Spätantike bis in die Postmoderne. Danach widmet er sich den grundsätzlichen Aspekten
komputistischer Überlieferung, ehe er ein in die Einzelheiten gehendes Verzeichnis
der komputistischen Handschriften bereitstellt. Der Editionsteil umfaßt zwanzig Texte
unterschiedlicher Art : verschiedenartige Lehr- und Streitschriften, Zwiegespräche, ein
Gedicht, eine Predigt, eine Ahnentafel finden sich darunter und anderes mehr. Die Texte
sind unter sechs Themen gestellt: „Entfaltung unter Karl Martell“, „Zerstreuung unter
König Pippin“, „Sammlung unter König Karl“, „Entzweiung in Karls frühen Kaiser­
jahren“, „Entscheidung in Karls späten Kaiserjahren“ und schließlich „Festigung unter
Kaiser Ludwig“.
Die ‘Visio Wettini’, eine 8 2 4 durch den vormaligen Reichenauer Abt Heito aufge­
zeichnete Vision eines sterbenden Mönchs, und die hierauf beruhende Dichtung Walahfrid Strabos, ist in einem sich an ein breiteres Publikum wendenden Bändchen neu
zugänglich gemacht worden : Heito und Walahfrid Strabo. Visio Wettini. Einführung,
lateinisch-deutsche Ausgabe und Erläuterungen von Hermann K n i t t e l . Zweite, erwei­
terte Auflage. Mit einem Geleitwort von Walter B e r s c h in . (Reichenauer Texte und Bilder
1 2 ). Heidelberg : Mattes, 2 0 0 4 . 1 5 5 Seiten, 9 Abb. ISBN 3 - 9 3 0 9 7 8 - 6 8 - 7 . — Dies ist eine
stark erweiterte Bearbeitung der 1 9 8 6 in Sigmaringen im Jan Thorbecke Verlag erschie­
nenen zweisprachigen Ausgabe, die jedoch lediglich Walahfrids Dichtung enthält. Hinzu­
gekommen ist nun also die von Heito stammende Vorlage. Grundlage ist die Edition von
Emst D ü m m le r (MGH Poetae 2 , S. 2 6 7 - 2 7 5 ) ; jedoch hat sich der Bearbeiter auf Grund
seiner Auseinandersetzung mit den handschriftlichen Befunden an zahlreichen Stellen für
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PETER STOTZ
eine andere Lesart entschieden. Der Text Walahfrids beruht weitgehend auf der Edition
von David A. T r a i l l (Frankfurt / M. 1974). Die Texte sind von einer lesenswerten Einlei­
tung und reichlichen Sachanmerkungen begleitet.
Einen Mosaikstein in der gegenwärtig sehr eifrig betriebenen Erforschung des
Komplexes der pseudoisidorischen Fälschungen (vgl. etwa ALMA 60, S. 280) stellt die
folgende Arbeit dar : Karl-Georg S c h o n . Unbekannte Texte aus der Werkstatt Pseudo­
isidors : Die Collectio Danieliana. (Monumenta Germaniae Histórica, Studien und Texte
38), Hannover : Hahn, 2006. XII, 116 Seiten. ISBN 3-7752-5738-1. — Thema ist eine
Sammlung von 195 kurzen capitula, die sich abschriftlich in der Handschrift Bern,
Burgerbibi. 442 (10. Jahrhundert) findet; nach deren Vorbesitzer François Daniel nennt
sie der Bearbeiter ‘Collectio Danieliana’. Sie gehört mit den ‘Capitula Angilramni’
zusammen, einer „Strafprozeßordnung für das Anklageverfahren gegen Bischöfe“,
ist jedoch eine eigenständige Frühform hiervon. Bereits in den 860er Jahren nahm sie
Hinkmar von Laon in seine Sammlung auf. Dazu kommen anderweitige Rezeptions­
vorgänge. Der kritischen Edition steht eine Studie voran, in welcher diesen Zusammen­
hängen nachgegangen wird.
Nun ist von einem etwa 906 geschaffenen Werk zu berichten, dessen kritische Edition
zur Zeit noch aussteht. Doch hat ihr deren Bearbeiter eine editio minor vorausgeschickt,
die schon einen bedeutenden Fortschritt bedeutet. Es handelt sich um die Schrift ‘De
synodalibus causis et disciplinis ecclesiasticis’ Reginos von Prüm ( f 915), der auch als
Verfasser einer Chronik und eines Musiktraktates bekannt ist. Sein kirchenrechtliches
Werk ( R e g i n o syn. caus.) wird treffend als ‘Sendhandbuch’ bezeichnet (vgl. deutsch [alt
/ historisch] (der) Send [< lat. synodus] als Terminus für das umherziehende bischöfliche
Sittengericht). Regino, vormaliger Abt des Klosters Prüm in der Eifel, stellte diese hand­
liche Sammlung kirchenrechtlicher Entscheidungen auf Veranlassung Erzbischof Ratbods
von Trier zusammen und widmete sie dann Erzbischof Hatto von Mainz. Sie besteht aus
zwei Büchern von 445 bzw. 444 Kapiteln. Am Anfang steht jew eils ein Katalog von 96
bzw. 89 Fragen, welche dem ländlichen Pfarrklerus zu stellen waren. Die zur Zeit noch
maßgebende Ausgabe stammt von F. G. A. W a s s e r s c h l e b e n (Lipsiae 1840 ; Nachdruck :
Graz 1964). Auf dieser Grundlage, jedoch mit beträchtlichen Eigenleistungen, ist jetzt
erschienen : Reginonis Prumiensis libri duo D e synodalibus causis et disciplinis eccle­
siasticis ... / Das Sendhandbuch des Regino von Prüm. Unter Benutzung der Edition
von F. W. H. W a s s e r s c h l e b e n herausgegeben und übersetzt von Wilfried H a r t m a n n .
(Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters, Freiherr-vom-SteinGedächtnisausgabe 42). Darmstadt : Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2004. [VII], 483
Seiten. ISBN 3-534-14341-8. — Der Text der alten Edition wurde in Einzelheiten verbes­
sert. Zudem kommt der Ausgabe die Kollationierung einer Handschrift (Luxemburg,
Bibi. nat. 29, um 1100) zugute, die eine dem Original nahestehende Textform aufweist,
und die dem vorigen Herausgeber noch nicht bekannt war ; zumindest in Auswahl sind
deren Varianten angegeben. Soweit irgend möglich, ist zu jeder von Regino gebuchten
Bestimmung die Quelle angegeben; auch wird eine deutsche Parallelübersetzung
geboten. Schwierigkeiten werden durch Anmerkungen geklärt, und das Ganze ist durch
ein Sachregister erschlossen. So ist denn diese kirchenrechtliche Sammlung etwa auch
für die Alltagsgeschichte bequem nutzbar gemacht. Ein Wermutstropfen immerhin : Da
das Werk in einer für breite Kreis berechneten Buchreihe erscheint, mußten im 1. Buch
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118, im 2. Buch 51 Einträge weggelassen werden, da der Band sonst, gemäß den harten
Gesetzen des Marktes, zu umfangreich geworden wäre.
Um die Mitte des 12. Jahrhunderts wurde in Sachsen an unbekanntem Ort von einem
Anonymus eine reichsgeschichtliche Geschichtskompilation für die Zeit von 741 bis
(vermutlich) 1142 erarbeitet, welcher man im 18. Jahrhundert den Notnamen ‘Annalista
Saxo’ zugewiesen hat. Die Erstfassung dieses umfangreichen Werkes wurde im Zeitraum
1148/52 abgeschlossen, später (frühestens ab Mitte 1152) dürften Nachträge hinzugefügt
worden sein. Von dieser nach Inkamationsjahren gegliederten Chronik wurde der einzige
Textzeuge, Paris BNF lat. 11851, von Mabillon entdeckt. Diese Handschrift — die sich
im Spätmittelalter in Würzburg befunden hatte — dürfte das Original darstellen ; in die
Arbeit haben sich sechs oder sieben Schreiber geteilt. In ihr fehlt (nebst anderem) der
Schluß ; der Text ist daher nur bis 1139 überliefert. Der Urheber der Chronik, der sich als
eifrig und gewissenhaft erweist, geht nach dem Prinzip der Montagetechnik vor : Nicht
weniger als 39 historiographische und 11 hagiographische Texte hat er herangezogen,
dazu Briefe, Urkunden, kirchenrechtliche Texte, Gedichte und Namenslisten. Für jedes
Jahr hält er sich in bezug auf das Handlungsgerüst an eine Leitquelle, deren Angaben
er dann anderweitig ergänzt. Größere Nachwirkung scheint dem Werk nicht beschieden
gewesen zu sein ; immerhin verraten einige spätmittelalterliche Autoren Kenntnis davon.
Maßgebend war bisher eine aus der Frühzeit der Monumenta Germaniae Histórica stam­
mende Edition (Georg W a i t z , 1844, MGH SS 6, S. 553-777), die auf — aus heutiger
Sicht — gänzlich unzureichender Grundlage zustandegekommen war. Soeben ist eine
aus demselben Hause stammende, von langer Hand umsichtig vorbereitete Neuedition
vorgelegt worden: Die Reichschronik des Annalista Saxo. Herausgegeben von Klaus
N a s s . (Monumenta Germaniae Histórica, Scriptores 37). Hannover: Hahn, 2006. XXIX,
752 Seiten. ISBN 3-7752-5537-0. — Da der Bearbeiter die Ergebnisse seiner langjährigen '
gründlichen Forschung bereits 1996 in einer umfangreichen Monographie veröffentlicht
hat (s. ALMA 55, S. 306f.), konnte er sich nunmehr in der Einleitung verhältnismäßig
kurz fassen. Halten wir fest, daß hier die traditionelle Bezeichnung des Verfassers beibe­
halten ist. In der MLW-Zitierliste von 1996 figuriert der Text unter der Sigle A r n o l d .
B e r g , chron. Dies beruht auf der These, Arnold, Abt der Klöster Berge und Nienburg,
habe das Werk verfaßt ; doch diese hält kritischer Überprüfung nicht stand.
Aus der Gründungszeit des Prämonstratenserordens gibt es eine Gruppe von Texten
teils hagiographischer, teils autobiographischer Art. Nächst den beiden Viten des eigent­
lichen Begründers des Ordens, Norberts von Xanten, sind die Viten Gottfrieds von
Cappenberg (um 1096-1127) zu nennen, des Angehörigen eines westfälischen Grafen­
geschlechtes, auf den die Gründung etlicher Stifte zurückgeht, zudem die Bekehrungsge­
schichte des konvertierten Juden Hermann (von Scheda). Schon vor langer Zeit wurde die
kritische Edition dieser Texte in den Monumenta Germaniae Histórica ins Auge gefaßt.
Davon wurde zunächst nur diejenige der Schrift von Hermann realisiert (Hermannus
quondam Judaeus, Opusculum de conversione sua, herausgegeben von Gerlinde
N i e m e y e r [Monumenta Germaniae Histórica, Quellen zur Geistesgeschichte des Mittel­
alters 4], Weimar: Böhlau, 1963). Die Edition der Norbertviten steht noch aus, diejenige
der Viten Gottfrieds konnte, nach vielen Wechselfällen, vor kurzem vollendet werden :
Die Viten Gottfrieds von Cappenberg. Herausgegeben von Gerlinde N i e m e y e r und
Ingrid E h l e r s - K i s s e l e r unter Mitwirkung von Veronika L u k a s . (Monumenta Germa­
niae Histórica, Scriptores rerum Germanicarum in usum scholarum separatim editi 74).
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PETER STOTZ
Hannover: Hahn, 2005. VIII, 265 Seiten. ISBN 3-7752-5474-9. — Dem Korpus gehören
zwei Prosafassungen an, ferner eine Versfassung, die mit der älteren dieser beiden zusam­
mengehört. Die drei Texte sind alle nur ganz schmal überliefert : D ie Verehrung großer
prämonstratensischer Gestalten hatte je nur regionalen Charakter, äußerte sich nicht in
Kanonisationen, und die ihnen geltenden Texte wurden kaum verbreitet. Die Prosavita I,
von hohem Quellen wert, wurde zwischen 1149 und 1156/58 von einem uns unbekannten
Cappenberger Prämonstratenser abgefaßt; vielleicht war er dort als Lehrer tätig. Die
— genealogisch ausgerichtete — Schlußpartie, ab Kapitel 53, ist wohl ein Nachtrag aus
etwas späterer Zeit. Gleichfalls von einem Cappenberger Chorherm — und wohl aus der
Zeit um 1204 — stammt die Prosavita II, knapper gehalten als ihre Vorgängerin, ange­
reichert jedoch durch Elemente aus der kürzeren oder der längeren Norbertvita (beide :
nicht nach 1161). Gleichfalls auf der Prosavita I fußt die Versfassung in 197 leoninischen Distichen. Sie ist weit knapper als ihre Vorgängerin und wäre ohne deren Kenntnis
stellenweise unverständlich. Zahlreiche Einzelheiten sind darin weggelassen. Im Mittel­
punkt steht das Lob des Heiligen ; Reflexionen und Wortspiele bestimmten das Bild. Hier
vorkommende direkte Reden sind oft ganz anders gefaßt als in der Vorlage. Unter den
benützten Quellen seien der ‘Liber proverbiorum’ Otlohs von St. Emmeram und die ‘Vita
Mahumeti’ Embrichos von Mainz hervorgehoben. Die Dichtung, welche nach Ansicht
der Herausgeberschaft zum Vortrag bei festlichen Gelegenheiten dienen mochte, könnte
auf denselben Verfasser wie die Prosavita I zurückgehen. Damit läge ein — sehr später
— Beleg für ein hagiographisches opus geminum vor.
Die überragende Gestalt unter den Meistern der Schule von Orleans im Hochmittel­
alter ist der wohl aus England stammende Arnulf. Von ihm stammen Kommentare zu den
Dichtungen Ovids und Lucans, vielleicht auch zu denen anderer Dichter. Wenn bei Ovids
‘Metamorphosen’ das Interesse an der durchgehenden Allegorese des Textes beherr­
schend ist, so konzentriert sich Arnulf andernorts auf die littera. Dies gilt namentlich für
seinen Kommentar zu Ovids ‘Fasti’, der aus dem Zeitraum 1159 / 1203 stammt und in
zw ölf Handschriften ganz oder teilweise überliefert ist. Darin folgt Arnulf dem Wortlaut
des Grundtextes von Vers zu Vers ; großenteils hält er seine Glossen ganz kurz, er treibt
das Werk eines Philologen, der nichts weiter will, als dem elementaren Verständnis der
Dichtung den Weg ebnen. Als groß allerdings erweist sich Arnulfs Interesse an Astro­
nomie und Komputistik ; hier geht er über das unbedingt Nötige hinaus. Vor kurzem ist die
kritische Erstedition vorgelegt worden ; sie geht auf eine bei Paul Gerhard Schmidt erar­
beitete Dissertation der Universität Freiburg i. Br. zurück : Amulfi Aurelianensis Glosule
Ovidii Fastorum. Kritische Erstedition und Untersuchung, vorgelegt von Jörg Rudolf
R i e k e r . (Millennio medievale 54, Testi 14). Firenze : SISMEL, Edizioni del Galluzzo,
2005. LXXX, 308 Seiten. ISBN 88-8450-135-0. — Kommentartexte erweisen sich viel­
fach, und so auch der vorliegende, als unfest. Als Leithandschrift wird die Hs. Vat. Reg.
lat. 1548 aus dem 13. Jahrhundert zugrunde gelegt. Nächst dem Variantenapparat wird
der Text von einem knapp gehaltenen Quellenapparat begleitet. Ausführlichere Bemer­
kungen zu zahlreichen Stellen sind im Anmerkungsteil am Schluß untergebracht. Zum
Vergleich wird die Kommentierung der ‘Fasti’ durch Guillaume von Orleans herange­
zogen, ferner zu ausgewählten Fragen insgesamt 23 glossierte ‘Fasti’-Handschriften des
Mittelalters. In der Einleitung befaßt sich der Bearbeiter unter anderm mit der Stellung
Ovids im Mittelalter allgemein, mit der Rezeption seiner ‘Fasti’, mit Arnulfs Vorgehen als
Kommentator, mit seinen Quellen — einschließlich der Reflexe seiner eigenen Lebens-
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welt - sowie mit der Sprache dieses Kommentars selber. (Vgl. die Rezension von Alberto
in ALMA 63, S. 349-351, mit Besprechung zahlreicher Einzelheiten.)
Klostergründer aus dem niederen Adel wurden am Ort ihres Wirkens vielfach
durch (quasi)hagiographische Viten in die Perspektive der Heiligkeit gerückt. Dies gilt
beispielsweise für den Stifter des — 1183 gegründeten — Zisterzienserinnenklosters
Kumbd (Chumbd, latinisiert Commeda) im Hunsrück, einen Angehörigen des Ministeri­
alengeschlechtes von Bacharach, der 1191, erst 26jährig, in seiner Stiftung starb. Von ihm
ist eine Vita aus der Zeit um 1220 überliefert (MLW : V i t a Eberh. Commed.), außerdem
eine Legende aus etwas späterer, offenbar nicht genauer bestimmbaren Zeit. Die Vita ist
ein Zeugnis frömmigkeitsgeschichtlichen und regionalhistorischen Charakters ; dem trägt
die folgende Ausgabe denn auch Rechnung : Stefan W e b e r . Das Leben des Eberhard von
Kumbd. Heidelbergs Anfänge und weibliche Frömmigkeit am Mittelrhein. Neuedition
/ Übersetzung / Kommentar. (Heidelberger Veröffentlichungen zur Landesgeschichte
und Landeskunde 11). Heidelberg : Winter, 2004. [IV], 309 Seiten, 6 Abb. ISBN 3-82531628-9. — Nächst der kritischen Edition mit gegenüberstehender Übersetzung nimmt
der Kommentar breiten Raum ein, welcher historisch und motivgeschichtlich gehörig in
die Tiefe geht; viele Parallelen und weiterführende Literaturangaben sind beigebracht.
Einziger Textzeuge der Vita ist ein Druck von 1655 nach einer inzwischen verschollenen
Handschrift. Für ein bestimmtes Kapitel findet sich in einer Zisterzienserhandschrift aus
dem 14. Jh. eine Parallelfassung, die hier anhangsweise abgedruckt und übersetzt wird.
Die erwähnte Legende, nur mehr durch eine Abschrift von 1661 überliefert, wird in der
Sachkommentierung der Vita mit zahlreichen Textausschnitten herangezogen, denen
ihrerseits eine Übersetzung beigegeben ist (nach einer Edition / Übersetzung von 1856
bzw. 1857).
Die ‘Aurora’, diese von Petrus Riga etwa im Zeitraum 1170/1200 geschaffene
umfangreiche Bibeldichtung, wurde nicht nur alsbald begeistert aufgenommen, sondern
führte auch dazu, daß andere an dem Werk weiterdichteten. Zu ihnen gehört ein gewisser
Hermann, custos der Reichsabtei Werden an der Ruhr, ungefähr 1185/1200 bis 1255/1261
lebend. Durch eine distichische Dichtung von 9589 Versen, mit dem Titel ‘Hortus deliciarum’ (ohne Bezug zu dem gleichnamigen Werk der Herrad von Landsberg), ergänzte
er die ‘Aurora’ um die Proverbia. Hermann schuf seine umfangreiche Großdichtung
1225/1226, in unglaublich kurzer Zeit. Wir finden bei ihm dasselbe Vorgehen, das Petrus
bei der Umsetzung gewisser biblischer Bücher, so des Hohenliedes, anwandte : Der
biblische Wortlaut als solcher wird nicht in Dichtung überführt, sondern wird, Vers um
Vers, dem entsprechenden Dichtungsstück, gewissermaßen als Titel, vorangestellt. Bei
Hermann ist nicht eigentlich von Bibeldichtung, sondern von der Versifikation eines
bestehenden Kommentars zu sprechen, nämlich des Proverbienkommentars Bedas, dem
er durchweg folgt, ohne den Verfasser je nur zu nennen. Im Übrigen lassen sich bei ihm
Einflüsse Ovids, vor allem aber solche aus mittelalterlichen Dichtungen feststellen. Der
‘Hortus deliciarum’ ist in einer (reich glossierten) Brüsseler Handschrift wohl aus dem
3. Viertel des 13. Jahrhunderts und einer um 1450 in Köln geschriebenen, in Den Haag
liegenden Handschrift überliefert. J. B. Pitra hatte ihn entdeckt und zitiert daraus insge­
samt 1068 Verse. Später galt die Dichtung für verschollen, wurde jedoch vor kürzerem
— zugleich von zwei Forschem — wiederentdeckt (vgl. ALMA 48/49, S. 223). Nunmehr
ist ihre gediegene editio princeps vorgelegt worden : Hermann! Werdinensis Hortus
deliciarum. Cura et studio Pauli Gerhard! S c h m i d t adiuvantibus H. M u n d t et M.-L.
B artola
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PETER STOTZ
(Corpus christianorum, Continuado mediaevalis 204). Tumhout : Brepols, 2005.
XIX, 489 Seiten. ISBN 2-503-05049-2. — D ie Bevorzugung eines Textzeugen als Leit­
handschrift kam nicht in Betracht, weil in jedem der beiden eine größere Anzahl Verse
fehlt ; der ältere enthält zudem viele Fehler, im jüngeren sind manche Sätze dem Metrum
entgegen umgestellt. Auf den Abdruck der Glossen der Brüsseler Handschrift, welche
vom Verfasser oder aus seiner Umgebung stammen dürften, ist verzichtet worden.
In der ‘Philosophischen Bibliothek’ ist die lateinisch-deutsche Ausgabe einer Schrift
des Albertus Magnus erschienen, nämlich der zweite Teil seiner ‘Summa de creaturis’,
auch bekannt unter dem Titel De homine’. D ieses — um 1242 geschaffene, aus disputationes in scholis hervorgegangene und im Spätmittelalter vielbeachtete — Jugendwerk
Alberts stellt eine ganzheitliche Darstellung der Anthropologie dar. Dies auf der Grund­
lage von Platon und Aristoteles, des ‘Liber de causis’ (vgl. ALMA 63, S. 276f.), kosmologisch-astronomischer Texte, verschiedener lateinischer Autoren sowie weiterer Quellen.
Im Vorgriff auf die Edition dieses Werkes in der Gesamtausgabe der Werke Alberts ist
hier eine zweisprachige editio minor erschienen : Albertus Magnus. Über den Menschen
/ De homine. Nach dem kritisch erstellten Text übersetzt und herausgegeben von Henryk
A n z u l e w i c z und Joachim R. S ö d e r . Mit einem Geleitwort von Ludger H o n n e f e l d e r .
Einleitung und Literaturverzeichnis von Henryk A n z u l e w i c z . Lateinisch-deutsch.
(Philosophische Bibliothek 531). Hamburg : Meiner, 2004. XLIX, 202 Seiten. ISBN
3-7873-1547-0. — Der Text beruht auf der Kollationierung von zehn Handschriften und
entspricht demjenigen, der in den ‘Opera omnia’ erscheinen wird, doch wird der kritische
Apparat, nicht aber der Quellenapparat, eingespart.
Immer wieder kommt es vor, daß in diesen textphilologisch-sprachwissenschaftlich
ausgerichteten Literaturberichten Monographien mit Editionsanhang anzuführen sind,
deren Hauptinhalt über diese Sphäre weit hinausführt. Dies gilt auch für das folgende
Buch über einen Aspekt mittelalterlicher Vatizinienliteratur, eine Bielefelder historische
Dissertation: Christian J o s t m a n n . Sibilla Erithea Babilonica. Papsttum und Prophetie
im 13. Jahrhundert. (Monumenta Germaniae Histórica, Schriften 54). Hannover : Hahn,
2006. XVII, 549 Seiten. ISBN 3-7752-5754-3. — Gegenstand der Arbeit ist ein — vor
der Mitte des 13. Jahrhunderts entstandener — kurzer anonymer Text, der in mehreren
Fassungen umlief. Darin werden auf Grund der damaligen politischen Verhältnisse
Prognosen gestellt hinsichtlich zweier Bereiche : Einesteils für das Verhältnis des latei­
nischen Westens zum griechischen Osten ; hinsichtlich der Antinomie zwischen Latei­
nern und Griechen wird eine Linie vom Trojanischen Krieg bis zu den Geschehnissen
von 1204 gezogen. Sodann geht es um Glück und Niedergang des staufischen Herrscher­
hauses : zunächst um die Erfolge Friedrichs II. im Zusammenwirken mit den Griechen,
dann um den künftigen Abstieg der Dynastie. Vor allem franziskanische Kreise haben
sich für diese Prophetien interessiert ; die Texte finden sich oft in Überlieferungsgemein­
schaft mit Schriften aus dem Umkreis Joachims von Fiore. Eingangs gibt der Verfasser
einen Forschungsbericht, dann arbeitet er die handschriftliche Überlieferung auf, im
Weiteren widmet er sich der frühen Rezeption dieses Weissagungstextes, so bei A lex­
ander Minorità, Matthaeus Paris, in der pseudo-joachimischen ‘Expositio super Sibillis
et Merlino’ und anderswo. In dem gewichtigen Mittelteil seiner Arbeit erschließt und
kommentiert er den Inhalt der Sibilla Erithea — dies anhand quellenkritischer Arbeit und
mit dem Blick auf den Kreis der Rezipienten. Es ergibt sich, daß diese Vatizinien dem
Standpunkt der römischen Kurie in den 1240er Jahren entsprechen, und so wird denn in
W eber.
CHRONIQUES ET COMPTES RENDUS
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einem weiteren Kapitel untersucht, wie sie mit den dortigen Gegebenheiten zusammen­
passen, wie man an der Kurie mit Prophezeiungen umging, und welche ihrer Angehö­
rigen allenfalls als Verfasser in Frage kommen. In einem umfangreichen Anhang wird
ein — nach den verschiedenen Rezensionen gegliederter — Katalog der Handschriften
(und frühen Drucke) der Sibilla Erithea gegeben. Schließlich folgt (S. 496-527) deren
kritische Edition nach drei unterschiedlichen Fassungen.
Es gibt im 13. Jahrhundert einige Schriftsteller, die in ihrer Tätigkeit große Ambitionen
und unermüdlichen Fleiß erkennen lassen, und die es dennoch nicht gerade weit gebracht
haben. Zu ihnen gehört der Zürcher Chorherr, Schulmeister und Kantor Konrad von Mure
(um 1210-1281). Im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit als Lehrer, und in seinem Drang
nach enzyklopädischer Weite verfaßte er zahlreiche Lehrschriften. Von seinen beiden viel­
leicht bedeutendsten Werken fällt die Dichtung ‘Novus Grecismus’ — deren editio prin­
ceps nächstens erscheinen dürfte (vgl. ALMA 59, S. 294) — in die Anfangszeit seines
Wirkens; sein ‘Fabularius’, ein in Prosa gehaltenes Lexikon der Mythologie (vollendet
1273), ist demgegenüber ein Alterswerk. Soeben ist hiervon die kritische Erstedition
erschienen, eine Dissertation der Universität Halle-Wittenberg : Conradi de Mure Fabu­
larius. Cura et studio Tom v a n d e L o o . (Corpus christianorum, Continuado mediaevalis
210). Tumhout: Brepols, 2006. XCVI, 648 Seiten. ISBN 2-503-05101-4. — Der ‘Fabu­
larius’ ist ein umfangreiches, alphabetisch angeordnetes Lexikon, in welchem neben den
Namen der mythologischen Gestalten auch solche aus der Geschichte Vorkommen, dazu
vereinzelt Namen von Städten, Flüssen und Gebirgen. Bei den meisten Stich Wörtern
wird, nach einer großen Zahl von Quellen, ausgiebig Auskunft erteilt und viel Wissen
ausgebreitet. Voran steht, nächst einem Prolog, ein Abriß der Kirchengeschichte, nämlich
ein Auszug aus der ‘Historia scholastica’ des Petrus Comestor, sodann eine ‘Genealogia
deorum’ in 474 Hexametern, dies ein Auszug aus seinem ‘Novus Grecismus’. Auf das
mythologische Lexikon folgen alphabetische Listen von Bezeichnungen von Steinen,
Pflanzen und, davon gesondert, Bäumen. Der Epilog ist dadurch bemerkenswert, daß er
eine Autobibliographie enthält. Konrad hat zahlreiche Quellen zu Rate gezogen : mythographische und historiographische Texte, solche zu Sprache und Wortschatz, aber auch in
großem Umfang Dichter : natürlich diejenigen der Antike, jedoch auch solche aus nicht
viel älterer Zeit als der seinen. Mit diesem Werk will der Verfasser (einmal mehr) communi
parvulorum utilitati deservire, und der Herausgeber würdigt diese „mittelalterliche Schulenzyklopädie“ als Beispiel pragmatischer Schriftlichkeit. Das in seiner Zeit singuläre
Werk hat im süddeutschen Raum einige Beachtung gefunden und hat sich in immerhin
sechs Handschriften erhalten, dazu kommt eine Inkunabel (Basel 1470 [GW 7424]);
nach ihr wurde später noch eine verkürzende Bearbeitung gedruckt. Nach eingehender
Musterung der Textzeugen gelangt der Herausgeber zu einem Stemma. Die Überliefe­
rung zerfällt demnach in zwei Zweige ; eine Handschrift steht dabei für sich. Mit seiner
Textgestaltung sucht der Herausgeber der Ausgangsfassung möglichst nahezukommen ;
in Fragen der Graphie richtet er sich nach der Handschrift Paris BNF lat. 8169a .
Im Spätmittelalter war eine Gruppe von 51 meditativen Gebeten zu den Sonntagsevan­
gelien in Umlauf, welche fälschlich Albertus Magnus zugeschrieben wurden. Vor 1319
überarbeitete sie ein unbekannter Zisterzienser, um sie den Bedürfnissen seiner Ordens­
brüder anzupassen, außerdem fügte er zwölf eigene Gebete hinzu. Diese beiden Reihen
von Texten sind in einem Autograph von Christan, Mönch (Prior) in dem niederöster­
reichischen Zisterzienserkloster Lilienfeld (t nach 1330) eingetragen. Die ältere Samm-
314
PETER STOTZ
lung wurde etwas später von Ludolf von Sachsen (um 1295/1300-1378) in seine ‘Vita
Christi’ eingearbeitet und äußert sich in 27 Gebeten. D ieses Ensemble ist aufgearbeitet
worden in: Glossae de evangeliis dominicalibus / Glossen zu den Sonntagsevangelien.
Pseudo-Albertus-Magnus in der Bearbeitung eines Zisterziensers. Aus dem Codex
Campililiensis 144 fol. 72ra-78ra ediert, übersetzt und kommentiert von Walter Z e c h m e i s t e r . Nordhausen : Bautz, 2004. 370 Seiten. ISBN 3-88309-147-2. — Im Mittelpunkt der
Arbeit stehen die kritische Edition und die gegenüberstehende Übersetzung der 51er und
der 12er Reihe in zisterziensischer Bearbeitung, dazu ein Abdruck des — davon abwei­
chenden — ersten Gebetes der Pseudo-Albertus-Fassung sowie der 27 Gebetstexte, die
in Ludolfs ‘Vita Christi’ eingearbeitet sind. Eine einführende Studie betrifft die äußeren
Fragen um Überlieferung, Datierung, Autorschaft und dergleichen, betrifft sodann die
benützten Quellen wie auch gewisse stilistische Beobachtungen. Anschließend werden
die verschiedenen Wege der Rezeption besprochen. Besonders hingewiesen sei auf den
— rund 120 Seiten umfassenden — gehaltvollen Detailkommentar zu den Lilienfelder
Texten, der sich hinter dem bescheidenen Titel „Anmerkungen“ verbirgt.
Zu den bedeutendsten und beliebtesten weiblichen Heiligen des Spätmittelalters gehört
Katharina von Siena (1347-1380), die nicht allein eine große Mystikerin war, sondern
sich auch mit kirchenpolitisch-praktischen Fragen befaßte, ja sogar Ratgeberin von
Päpsten war. Diese Seite ihrer Wirksamkeit wurde maßgeblich gefördert durch den D om i­
nikaner Raimund von Capua (um 1330-1399), welcher ihr 1374 als geistlicher Führer an
die Seite gestellt wurde. Von ihm stammt denn auch die ‘Legenda maior’, die umfang­
reiche Biographie der Heiligen. Bis vor kurzem war man auf deren Ausgabe in den ‘Acta
sanctorum’ (1866) angewiesen, jetzt ist eine neue Edition samt Übersetzung erschienen,
begleitet von einem ungemein weitläufigen und reichhaltigen Kommentar : Jörg J u n g ­
m a y r . Die Legenda Maior (Vita Catharinae Senensis) des Raimund von Capua. Edition
nach der Nürnberger Handschrift Cent. IV, 75, Übersetzung und Kommentar. 2 Bände (1 :
Einleitung und Text; 2: Kommentar). Berlin: Weidler, 2004. XCIX, 1368 Seiten. ISBN
3-89693-194-6. — Von der unverkürzten Fassung der ‘Legenda maior’ sind 43 Hand­
schriften bekannt (dazu sechs weitere, die eine verkürzte Fassung enthalten). Der Bear­
beiter zählt die Handschriften zwar auf und gibt von ihnen eine knappe Beschreibung
sowie einige Stichproben ihrer Lesarten. Doch hat er sich entschlossen, nicht eine editio
critica, sondern eine „scribal version“, nach der im Titel genannten Nürnberger Hand­
schrift, zu veranstalten. Diese 1405 ihrer Bestimmung übergebene Handschrift ist zwar
nicht die älteste, doch sind ihre Entstehensumstände genauer bekannt : Sie wurde in
dem venezianischen Skriptorium des Tommaso da Siena, genannt Caffarini, von einem
deutschen Schreiber für das Nürnberger Predigerkloster angefertigt. (Diese Handschrift
enthält von Caffarini angefertigte Supplemente zur der ‘Legenda maior’ sowie auch
Korrekturen von seiner Hand.) Ungewohnt ist, daß der Herausgeber über die Eingriffe
in den Text der Handschrift, die er vorgenommen hat, nicht an Ort und Stelle Rechen­
schaft ablegt, sondern in Form einer Liste innerhalb der Einleitung. Bei der Übersetzung
konnte sich der Bearbeiter eine ältere Teilübersetzung durch Adrian S c h e n k e r zunutze
machen. Vorwiegend inhaltlich-geistesgeschichtlich ausgerichtet, und überaus detailliert
und materialreich ist der fortlaufende Kommentar, der über 600 Druckseiten umfaßt.
Die Verurteilung von 219 für häretisch angesehenen Lehrmeinungen durch den Pariser
Bischof Étienne Tempier im Jahre 1277 — und das dahinter stehende Grundproblem des
Verhältnisses von Glauben und Wissen — hat die Denker auch noch des 15. Jahrhun­
CHRONIQUES ET COMPTES RENDUS
315
derts beschäftigt. Ein Zeugnis dafür sind die ‘Commentarla in artículos sive errores 219
condemnatos Parisiis a Domino Stephano Parisiens! episcopo A. D. 1277', verfaßt von
einem für uns anonym bleibenden Autor aus dem Umkreis des Johannes de Nova Domo
(auch Jean de Maisonneuve, f 1418), welcher seinerseits als der Gründer der Schule der
Albertisten gilt, somit derer, die in dem spätmittelalterlichen Richtungsstreit Albertus
Magnus die Treue hielten. Mit dem genannten Kommentar geht ein weit kürzerer Text
desselben Verfassers zu einem früheren Verurteilungsdekret einher, nämlich zu demje­
nigen von 1241. Beide sind sie Gegenstand der folgenden Arbeit, einer philosophischen
Dissertation der Freien Universität Berlin : Henrik W e l s . Aristotelisches Wissen und
Glauben im 15. Jahrhundert. Ein anonymer Kommentar zum Pariser Verurteilungsdekret
von 1277 aus dem Umfeld des Johannes de Nova Domo. Studie und Text. (Bochumer
Studien zur Philosophie 41). Amsterdam : Grüner, 2004. CLXXI, 162 Seiten. ISBN 906032-370-X. — Die Studie, die auf die Edition vorbereitet, wird eröffnet mit der genauen
Beschreibung der sieben Handschriften, welche die Schrift (mit ihrem Anhang) bieten,
sowie der Ermittlung ihres gegenseitigen Verhältnisses, welche zu einem Stemma führt.
Sodann geht es um die Quellen dieser Schrift, und was sich daraus zum Bildungsgang
ihres Verfassers ermitteln läßt. Besonders wichtig ist dabei die ‘Summa naturalium’, eine
damals Albertus Magnus beigelegte, in Wirklichkeit von Albert von Orlamünde stam­
mende Schrift. Ein weiteres Kapitel beschlägt Fragen der Entstehungszeit, des Autors
und dessen Stellung zu Johannes de Nova Domo. Anhangsweise wird eine Edition des
ersten Abschnittes von des letzteren Schrift De universali reali’ gegeben. Der erste,
darstellende Teil wird abgeschlossen durch eine historisch-systematische Untersuchung
des Inhalts der Schrift.
Vorstellungen über mögliche Beziehungen zwischen den Lebenden und den Toten
haben die Menschen immer wieder umgetrieben. Berichte über Jenseitsvisionen und
allerhand übernatürliche Erscheinungen beschäftigten nicht nur das Volk, sondern auch
die Theologen. Überaus wirksam war am Ausgang des Mittelalters das 1454 von dem
Erfurter Kartäuser Jakob von Paradies (1381-1465) verfaßte Werk De apparitionibus
animarum separatarum’. Diese Schrift sowie die Geschichte ihres Textes und ihrer
Wirkung sind das Thema der folgenden Arbeit, einer Jenaer Dissertation von 1998, die
hier mit einiger Verspätung angezeigt wird : Christoph F a s b e n d e r . Von der Wiederkehr
der Seelen Verstorbener. Untersuchungen zu Überlieferung und Rezeption eines Erfolgs­
textes Jakobs von Paradies. Mit einem Abdruck des Autographs. (Jenaer germanistische
Forschungen, Neue Folge 12). Heidelberg: Winter, 2001. X, 384 Seiten, 2 Abb. ISBN
3-8253-1275-5. — Herzstück des Buches ist die diplomatische Ausgabe des Textes nach
dem Autograph (Weimar, Fol. 25). Auf der unteren Seitenhälfte läuft in Petitsatz der
Abdruck einer westschwäbischen Übersetzung mit, dies nach einem Druck aus der Zeit
um 1478. Jedem der sieben Kapitel des Werkes (sowie den rahmenden Texten) ist eine
neuhochdeutsche Paraphrase vorangestellt. Das Hauptgewicht der Arbeit liegt auf der
akribischen Aufarbeitung der Überlieferungs- und der Wirkungsgeschichte. Die Rezep­
tion wird nach den verschiedenen Orden und Ständen spezifiziert. Anschließend werden
die unterschiedlichen Textformen untersucht, in denen das Werk zirkulierte. Auch werden
zahlreiche „textexteme Überlieferungsmerkmale“ gesammelt, darunter die Beigabe von
Gedichten (mit deren Abdruck), die Bebilderung, die Überlieferung in Gemeinschaft mit
ändern Werken, Lektürespuren sowie Verweise auf andere Texte. Das letzte Drittel der
316
PETER STOTZ
Arbeit gilt deutschsprachigen Bearbeitungen dieses Werkes, das offensichtlich einem
lebhaften Bedürfnis der Zeit entgegenkam.
Von dem Historiker und Theologen Thomas Ebendorfer (1388-1464) sind in jüngster
Zeit mehrere Werke ediert worden (s. zuletzt ALMA 63, S. 282f.) ; unter ihnen gehört
die ‘Hystoria Jerusalimitana’ zu den unscheinbareren. Es handelt sich um den Bericht
de duobus passagiis, nämlich über den 1. und den 3. Kreuzzug ; dazu kommen einige
Ausblicke auf spätere Ereignisse, doch beim Jahr 1221 wird abgebrochen. Hauptquellen
sind die ‘Historia Hierosolymitana’ des Robertus Monachus für den 1. Kreuzzug — hier­
nach auch der Titel von Ebendorfers Arbeit — und das ‘Itinerarium peregrinorum’ für
den dritten. Für die Schlußpartie wurde das ‘Speculum historíale’ des Vinzenz von Beau­
vais herangezogen. Die autograph überlieferte Schrift wurde 1454 in Angriff genommen,
vielleicht als Reaktion auf die Eroberung Konstantinopels ein Jahr zuvor ; allenfalls war
ihr die Aufgabe zugedacht, den Abwehrkampf gegen die Türken zu propagieren. Soeben
ist davon eine kritische Edition vorgelegt worden : Thomas Ebendorfer. Historia Jerusalemitana. Nach Vorarbeiten von Hildegard S c h w e i g e , geb. B a r t e l m ä s herausgegeben
von Harald Z i m m e r m a n n . (Monumenta Germaniae Histórica, Scriptores rerum Germanicarum, Nova series 21). Hannover : Hahn, 2006. XXII, 171 Seiten. ISBN 3-7752-02218. — Der Edition dieses Kreuzzugstraktates liegt eine 1954 von Alphons Lhotsky ange­
nommene, ungedruckt gebliebene Wiener Dissertation zugrunde. Sie wurde durch den
jetzigen Herausgeber — der sich schon durch die Edition mehrerer Werke Ebendorfers
verdient gemacht hat, und der gleichfalls aus der Schule von Lhotsky stammt — allseitig
gründlich überarbeitet und ergänzt.
Zu den zahlreichen Jerusalempilgem des ausgehenden Mittelalters, die ihre Erleb­
nisse in Berichten oder Pilgerführem niedergelegt haben, gehört auch ein gewisser
Wilhelm Tzewers (auch Zcewers u. ä., latinisiert Textoris) aus Aachen (ca. 1420-1512),
der 1477/78 eine Wallfahrt ins Heilige Land unternahm. Sein bisher unedierter Bericht
hat sich abschriftlich in drei Textzeugen erhalten. Die umfangreiche Schrift gliedert
sich in zwei ungleiche Teile : An einen verhältnismäßig knappen, wenn auch sehr detail­
lierten Erlebnisbericht über seine Reise von Venedig bis nach Jerusalem schließt sich eine
ausführliche Beschreibung des Heiligen Landes an. Vor allem hier sind zahlreiche ältere
Schriften, aber auch Erlebnisberichte von Zeitgenossen herangezogen. Neben genauen
Schilderungen der Örtlichkeiten findet man hier auch Ingredienzien geistlicher Art. Zwei
Ziele scheint der Autor mit seiner umfangreichen, aber anscheinend bald vergessenen
Arbeit verfolgt zu haben : Einesteils wollte er künftigen Jerusalempilgem dienlich sein
— und das geht bis zu ganz praktischen Anweisungen hinsichtlich des Reiseproviants
und weiterer Vorkehrungen — , andemteils wollte er denen, die zu Hause blieben, eine
Grundlage dazu geben, sich eine solche Reise meditativ-spirituell zu vergegenwärtigen.
Kürzlich hat dieser bemerkenswerte Text eine umfassende Erschließung gefunden in
einer Dissertation der Universität Freiburg i. Br. : Gritje H a r t m a n n . Wilhelm Tzewers :
Itinerarius terre sánete. Einleitung, Edition, Kommentar und Übersetzung. (Abhand­
lungen des Deutschen Palästina-Vereins 33). Wiesbaden: Harrassowitz, 2004. 455
Seiten. ISBN 3-447-04794-1. — Zuerst wird der sachliche Hintergrund beleuchtet : die
Person des Verfassers, der Verlauf seiner Reise sowie Aufbau und Inhalt seines Ttinerarius’. Anschließend werden die benützten Quellen besprochen. Als wichtigste unter
ihnen erweist sich die ‘Descriptio terrae sanctae’ des Burchard de Monte Sion. Neben
verschiedenen weiteren Wallfahrtsberichten und Pilgerführem sind auch Josephus und
CHRONIQUES ET COMPTES RENDUS
317
Hieronymus herangezogen, außerdem — wie sich versteht — die Bibel, einschließlich
apokrypher Texte. Unter den drei Textzeugen entscheidet sich die Bearbeiterin für die
Handschrift Zürich, Zentralbibl. Car. C 58, angelegt von dem zeitweilig in Zürich tätigen
Peter Numagen (f 1515), welcher dem Verfasser persönlich nahegestanden haben muß.
Die sorgfältige und durch Zwischentitel gut gegliederte Edition wird von einer parallel
gedruckten Übersetzung, dazu am Seitenfuß von einem ausgiebigen und dichten Sachkommentar begleitet; dessen präzisen topographischen Angaben ist anzumerken, daß
sich die Bearbeiterin auch an Ort und Stelle umgesehen hat.
Nicht allein die hohe Literatur ist von Interesse, sondern auch der Gebrauch des Latei­
nischen im Alltag kleiner Leute. Ein schönes Beispiel dafür ist das Tagebuch einer unbe­
kannten Nonne des Zisterzienserinnenklosters Heilig-Kreuz bei Braunschweig aus den
Jahren 1484 bis 1507, das sich in der Herzog August-Bibliothek Wolfenbüttel (Cod. 1159
Novi) erhalten hat. Dieses Kloster war in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts gegründet
worden und bestand als evangelisches Damenstift bis 1945. Das Leben im Kloster war
geprägt durch die Beziehungen zur Stadt Braunschweig und den führenden Geschlechtern
dieser Gegend, welche Gönner des Klosters waren, und deren Töchter hier den Schleier
nahmen. Zur Abfassungszeit dieses Tagebuches waren klösterliche Reformbestrebungen
wirksam, welche allerdings innerhalb des Konventes gewisse Widerstände hervorriefen.
Die Verfasserin war eine einfache Nonne ; ihre Aufzeichnungen — Palimpseste auf
Pergamentblättem aus nicht mehr gebrauchten Büchern — sind rein privater Natur ; als
Leserinnen stellte sie sich künftige Konventualinnen vor. Während in Süddeutschland
in Nonnenklöstern damals die deutsche Volkssprache die Oberhand gewann, wurde im
Norden Deutschlands vielenorts die Lateinkompetenz der Nonnen gefördert. Indessen ist
die Sprache dieses Tagebuches ziemlich einfach und ungelenk : die Schreiberin ist unsi­
cher und macht da und dort Fehler. Interessant sind Gebrauchsformen wie cimbulum für
symbolum oder turibilis für turibulis, ferner — auch sonst belegte — Wortanwendungen
wie capitolium für ‘Kapitel’ oder firmaria für ‘Krankenstube’ oder auch Formen wie
scidelicet, Ergebnis von Unentschiedenheit zwischen scilicet und videlicet. Zugänglich
gemacht worden ist dieses bemerkenswerte Dokument innerhalb einer umfangreichen
Monographie, einer Münchener Habilitationsschrift : Eva S c h l o t h e u b e r . Klostereintritt
und Bildung. Die Lebenswelt der Nonnen im späten Mittelalter. Mit einer Edition des
‘Konventstagebuchs’ einer Zisterzienserin von Heilig-Kreuz bei Braunschweig (14841507). (Spätmittelalter und Reformation, Neue Reihe 24). Tübingen : Mohr Siebeck, 2004.
IX, 612 Seiten, 9 Abb. ISBN 3-16-148263-8. — Die Arbeit insgesamt gilt der Geschichte
des genannten Klosters sowie allgemein der Art und Weise, wie ein spätmittelalterliches
Frauenkloster seine Konventualinnen rekrutierte und ausbildete. Hervorgehoben seien an
dieser Stelle zwei Einzelheiten : Die wohl aus dem 14. Jahrhundert stammende Legende
von der Gründung des Kreuzklosters durch einen mit der Stadt Braunschweig verfein­
deten Ritter wird nach einer Handschrift des Staatsarchivs Wolfenbüttel ediert. Und unter
der Überschrift „Latein und Deutsch“ wird der Unterricht in Nonnenklöstern der Region
im 15. Jahrhundert erörtert, dies vor allem anhand von Berichten über diesbezügliche
Reformen im Benediktinerinnenkloster Ebstorf.
Ganz an den Rand unserer Berichtszeit gelangen wir mit der — aus sechs Büchern
bestehenden — Großdichtung ‘Triumphus Veneris’ des schwäbischen Humanisten und
poeta laureatus Johannes Bebel (1473-1518). Dies ist im Wesentlichen eine Ständesatire,
welche in eine „epische Rahmenallegorie“ eingebettet ist. Für die letztere hat vor allem
318
PETER STOTZ
die ‘Psychomachia’ des Prudentius als Modell gedient. Venus sieht ihre Weltherrschaft
durch die Tugenden gefährdet ; nachdem sie sich mit ihrem Sohn Amor besprochen hat,
beschließt sie, gegen die Virtus zu Felde zu ziehen. Amor beruft ein großes Heer ein
und setzt es in Marsch. Die geringe Schar der Helferinnen der Virtus wendet sich voller
Angst zur Flucht. Die verzweifelte Virtus klagt Gott ihr Leid. Gott w ill die Menschheit
mit Verderben heimsuchen, doch Misericordia und die Jungfrau Maria bestimmen ihn zur
Milde : einstweilen will er seinem Zorn nicht freie Bahn lassen, sondern will die Mensch­
heit nochmals durch prodigia warnen. Der umfangreiche Mittelteil der Dichtung besteht
nun in einer Heerschau der Streitmacht von Venus und Amor vor Beginn der Kampfhand­
lungen. Da ist die Rede von den bettelnden Vaganten, vom Papst und seinem verdorbenen
Klerus — einschließlich der Universitäten, an denen sich leichtlebige Leute aufhielten
— , weiter : von den Adeligen mit ihren Untugenden, von den Bürgern und ihrem Geiz,
von der wilden Soldateska und schließlich von der Frauenwelt in ihrer Verschlagenheit
und Lasterhaftigkeit. Äußerer Anlaß zur Abfassung der Dichtung war der Ausbruch der
Pest 1502, welcher Bebel dazu nötigte, aus seinem Wirkungsort Tübingen zu fliehen, und
hinter dem er Gottes Zorn am Werke sah. Das Werk erschien erstmals 1509 und erlebte
zwei weitere Drucke (1515,1690) ; dem zweiten Druck ist der Kommentar eines gewissen
Johannes Altenstaig (tu m 1525) beigegeben ; das Werk fand als Schullektüre Verwen­
dung. Kürzlich ist, hervorgegangen aus einer Hamburger Dissertation, eine umfassende
Bearbeitung dieser Dichtung vorgelegt worden : Marcel A n g r e s . Triumphus Veneris.
Ein allegorisches Epos von Heinrich Bebel. Edition, Übersetzung und Kommentar.
(Hamburger Beiträge zur Neulateinischen Philologie 4). Münster : LIT Verlag, 2003. [X],
481 Seiten. ISBN 3-8258-6689-0. — Für jedes der sechs Bücher wird hintereinander je
die Edition, eine Übersetzung und ein fortlaufender Kommentar geboten. Anhangsweise
werden einige Briefe, Gedichte und Testimonia abgedruckt. Unter den weiteren Beigaben
sei der vollständige Index verborum hervorgehoben.
Die Überlieferung der ‘Argonautica’ des Valerius Flaccus bricht innerhalb des
8. Buches ab ; der Schluß ist verloren. Als der italienische Humanist Giovanni Battista
Pio (ca. 1475/1476-1542/1543[ ?]) eine Ausgabe des Epos samt Kommentar veröffent­
lichte (Bologna 1519), gab er dem überlieferten Text ein Supplement von 1423 Hexa­
metern, verteilt auf den Schluß des achten sowie auf ein neuntes und zehntes Buch, bei.
Was die Gestaltung der Argonautensage angeht, folgt er dabei eher Apollonios Rhodios
als Valerius Flaccus. Auch das Supplement ist von einem Kommentar begleitet, als
dessen Urheber zwar sein Sohn Giulio Cesare Pio auftritt, der jedoch vom Vater stammen
— oder zumindest von ihm mitverfaßt sein — könnte. Pios Supplement hat vor kurzem
seine Erstedition erfahren, dies in einer überarbeiteten Bochumer Dissertation: Beate
K o b u s c h . Das Argonautica-Supplement des Giovanni Battista Pio. Einleitung, Edition,
Übersetzung, Kommentar. (Bochumer Altertums wissenschaftliches Colloquium 60).
Trier: Wissenschaftlicher Verlag Trier, 2004. 725 Seiten, Abb. ISBN 3-88476-686-4.
— Kernstück dieser umfangreichen Arbeit ist die kritische Edition des Textes, begleitet
von einem Similienapparat, einer Übersetzung und einem Kommentar, in welchem es der
Bearbeiterin hauptsächlich um das Inhaltliche und das Gestalterische geht, konkreter : um
das Verhältnis von „Apollonius-Übersetzung, Valerius-Fortsetzung und eigener Gestal­
tungsintention“. Dieser Kommentar ist eingebettet in eine umfangreiche Betrachtung, in
welcher sie Pios Supplement als Beispiel für die Apollonios- und Valerius-Rezeption in
der Renaissance darstellt. In der Einleitung widmet sie sich zunächst recht ausführlich
CHRONIQUES ET COMPTES RENDUS
319
dem Leben und Werk Pios, sodann beschäftigt sie sich mit dem Argonautenmythos im
Mittelalter und der frühen Renaissance, vor allem aber mit der Rezeption von Apollo­
nius und Valerius in der Renaissance. Abschließend wertet sie Pios Leistung anhand der
begrifflichen Trias von interpretation imitado und aemulado.
Nun soll auf einige T a g u n g s a k t e n hingewiesen werden : Das Institut für
Österreichische Geschichtsforschung beging sein 150-jähriges Bestehen 2004 unter
anderm mit einer Fachtagung, welche der Ekdotik in ihren mannigfachen Bezügen — zu
den verschiedenen Philologien, zur Geschichtswissenschaft und Quellenkunde, zur Archiv­
praxis, zur Didaktik, zur Informatik, zum Medienwesen usf. — gewidmet war. Ange­
hörige verschiedener Disziplinen und mit ganz unterschiedlichen Forschungsinteressen
haben dazu beigetragen. Inzwischen liegt der reichhaltige Aktenband vor : Vom Nutzen
des Edierens. Akten des internationalen Kongresses zum 150-jährigen Bestehen des Insti­
tuts für Österreichische Geschichtsforschung, Wien, 3.-5. Juni 2004. Herausgegeben von
Brigitte M e r t a , Andrea S o m m e r l e c h n e r und Herwig W e i g l . (Mitteilungen des Insti­
tuts für Österreichische Geschichtsforschung, Ergänzungsband 47). Wien / München,
Oldenbourg, 2005. 398 Seiten, Abb., 1 DVD-ROM. ISBN 3-7029-0487-5 (Wien) /
3-486-57860-X (München). — Als besonders einschlägig seien daraus die folgenden
Beiträge hervorgehoben : R. B. C. H u y g e n s . Von Texten und ihrem Text (S. 17-24). —
Anne J. D u g g a n . Authorship and Authenticity in the Becket Correspondence (S. 25-44,
1 Abb.). — Franz R ö m e r . Vom Nutzen des Edierens in der Klassischen Philologie (S. 4547). — Pascale B o u r g a i n . Entre plusieurs fidélités: l’idéal, l ’originel et les témoins,
à propos de la tradition de Grégoire de Tours (S. 49-64). — Fritz Peter K n a p p . Votum
zum Round Table (S. 73-76). — Wilfried H a r t m a n n . Original und Rekonstruktion eines
Archetyps bei den spätkarolingischen Konzilsakten (S. 77-89). — Rainer B e r n d t . Die
Werke Hugos von Sankt Viktor (t 1141) : Ist die Erstausgabe durch Abt Gilduin (t 1155)
ein editorischer Glücksfall? (S. 91-99). — Martin S t e i n e r . Zur Authentizität der latei­
nischen Texte in den J. A . Comenii Opera omnia (S. 109-115). — Ludwig S c h m u g g e .
’’Regestenschuster 2004” (S. 117-129, 6 Abb.). [Im Anschluß an eine ironischen Selbst­
bezeichnung Paul Fridolin Kehrs (1860-1944) wird von der Methodik der Erschließung
der Register des Archivio Segreto Vaticano gehandelt.] — Paul B e r t r a n d . La numérisa­
tion des actes : évolutions, révolutions. Vers une nouvelle forme d’édition de textes diplo­
matiques ? (S. 171-175). — Annie D u f o u r . La base des actes originaux antérieurs à 1220
de la série L des Archives nationales (S. 177-182, 3 Abb.). — Klaus G r a f . Edition und
Open Access (S. 197-203). — Manfred T h a l l e r . Reproduktion, Erschließung, Edition,
Interpretation : Ihre Beziehungen in einer digitalen Welt (S. 205-227, 4 Abb.). — Walter
K o c h . Epigraphische Editionen europaweit - Inschriften als Quellen verschiedenster
Art (S. 229-254, 25 Abb.). — Theo K ö l z e r . Die Edition der merowingischen Königs­
urkunden (S. 285-296). — Rudolf S c h i e f f e r . Votum zum Round Table (S. 297-299).
— Peter L a n d a u . Kanonistische Editions Vorhaben (S. 301 f.) — Olivier G u y o t j e a n n i n .
Éditions diplomatiques et recherche historique : quelques remarques sur le cas français
(xixe-x x e siècles) (S. 303-312). — Maria Pia A l b e r z o n i . Considerazioni su nuove
proposte metodologiche nell’edizione delle fonti in ambito italiano (S. 313-328, 6 Abb.).
— Stefan S a m e r s k i . Die Edition der Nuntiaturkorrespondenz : Strukturprobleme und
neue Perspektiven (S. 329-338). — Walter P o h l . Von Nutzen und Methodik des Edie­
rens (S. 349-354). — Danuta S h a n z e r . Editions and Editing in the Classroom : A Report
from the Mines in America (S. 355-368, 1 Tab.) — Brenda B o l t o n . Bringing the Pope
320
PETER STOTZ
to the People : Validity in the Use of Language (S. 369-381, 2 Abb.). — Rita Vo l t m e r .
Kontextualisieren, exemplifizieren, popularisieren: Gedanken zur Edition landes- und
regionalgeschichtlicher Quellen für universitäre Lehre, Schulunterricht und Kulturbe­
trieb (S. 383-396). — Die beiliegende DVD-ROM ist eine Ergänzung zu dem Aufsatz
von Axel B o l v ig : Editing and Publishing Medieval Wall Paintings on the Internet ...
(S. 255-270, 15 Abb.).
Im Übergang von der Spätantike zum Frühmittelalter war das junge Christentum im
oberen Rhönetal und weit darüber hinaus geprägt von dem Kult des Märtyrers Mauri­
tius und der Thebäischen Legion. Kürzlich fand hierzu eine Tagung statt, an welcher
historische und archäologische, kultgeschichtliche und ikonographische, vor allem
aber philologische und textgeschichtliche Themen erörtert wurden. Nunmehr liegen
die Beiträge in gedruckter Form vor: Akten des internationalen Kolloquiums Freiburg,
Saint-Maurice, Martigny, 17.-20. September 2003 : Mauritius und die Thebäische Legion
/ Actes du colloque international ... : Saint Maurice et la légion thébaine. Herausge­
geben von Otto W e r m e l i n g e r , Philippe B r u g g i s s e r , Beat N äf , Jean-Michel R o e s s l i .
CParadosis. Beiträge zur Geschichte der altchristlichen Literatur und Theologie 49).
Fribourg: Academic Press, 2005. [VII], 483 Seiten, Abb. ISBN 3-7278-1527-2. — Im
Folgenden seien die Beiträge herausgegriffen, in denen es um lateinische Texte geht:
Martine D u l a e y . Eucher exégète: Pinterprétation de la Bible en Gaule du Sud dans la
première moitié du Ve siècle (S. 67-93). — Beat N ä f . Eucherius von Lyon, Theodor von
Octodurus und ihre Legionäre : Zu den historischen Bedingungen einer hagiographischen
Geschichtsdeutung (S. 95-117). — Philippe B r u g g i s s e r . Passio interpretis. Les tour­
ments du traducteur de la „Passion des martyrs d’Agaune“ par Eucher de Lyon (S. 139156). — Werner S t e i n m a n n . Eucherius : Passio Acaunensium Martyrum. Bemerkungen
zu Sprache und Stil in Prolog und Reden (S. 157-161). — Karla P o l l m a n n . Poetische
Paraphrasen der Passio Acaunensium Martyrum des Eucherius von Lyon (S. 227-254).
[Betrifft V e n . F o r t . carm. 2, 14 / W a l a h f r . carm. 21 / S i g e b . G e m b l . Theb. ; je mit
Textdruck und Übersetzung ( S i g e b . G e m b l . : 2, 651-789).] — Jean-Louis F e i e r t a g . Les
sources littéraires du plaidoyer des Thébains adressé à T Empereur dans la Passio Acau­
nensium Martyrum (chap. 9) attribuée à Eucher de Lyon (BHL 5737-5739) (S. 255-264).
— Martin K lö c k e n e r . „ ... legio sancta pro tui nominis confessione meruit uictoriae
palmam . . . “. Die Märtyrer der Thebäischen Legion in den Gebetstexten der eucharistischen Liturgie der Westkirchen bis um das Jahr 1000 (S. 265-310). [Mit Abdruck zahl­
reicher Texte.] — Michaela Z e l z e r . Z u Überlieferung und Rezeption der Passio Acau­
nensium Martyrum (S. 325-330). [Auf dem Hintergrund der ‘Legenda aurea’ des Iacobus
de Voragine.] — Marie-Anne Va n n ie r . Le martyre comme exemplum pour le moineévêque Eucher (S. 359-363). — Pierre-Yves Fux. Les patries des martyrs. Doctrine et
métaphores chez les poètes Damase, Ambroise, Paulin de N oie et Prudence (S. 365-375).
— François D o l b e a u . Trois sermons latins en l ’honneur de la Légion Thébaine (S. 377421). [Mit kritischer Edition (je in zwei unterschiedlichen Versionen) und mit Überset­
zung.] — Eric C h e v a l l e y / Justin F a v r o d / Laurent R i p a r t . Eucher et l ’Anonyme : les
deux Passions de saint Maurice (S. 423-438). — Klaus Z e l z e r . Die Identifizierung der
„Instituía de informatione Acaunensis coenobii“ : eine rätselhafte monastische Dreiecks­
geschichte (S. 439-446).
Inschriften, vor allem Grabinschriften, dienen wie Biographien dem Gedächtnis der
Menschen. Den Wechselbeziehungen zwischen diesen beiden Gattungen wurde an zwei
CHRONIQUES ET COMPTES RENDUS
321
Tagungen nachgegangen, welche 2001 an der Universidad Autónoma von Barcelona und
2002 an der Universität Heidelberg stattfanden. Die teils in deutscher, teils in spanischer
Sprache gehaltenen Beiträge sind publiziert worden in : Mittellateinische Biographie und
Epigraphik / Biografía latina medieval y epigrafía. Vorträge in Barcelona und Heidel­
berg, herausgegeben von Walter B e r s c h i n , Juan G ó m e z P a l l a r e s und José M a r t í n e z
G á z q u e z . Heidelberg: Mattes, 2005. V ili, 184 Seiten, Abb. ISBN 3-930978-74-1. —
Der schmale Aktenband umfaßt neun Beiträge : R. G a r a n d e H e r r e r o / J. M. E s c o l a
T u s e t / C. F e r n á n d e z M a r t í n e z / J. G ó m e z P a l l a r e s / J. M a r t í n C a m a c h o . Poesía
epigráfica latina de transmisión manuscrita : ¿ficción o realidad? (S. 1-45). [Mit Edition,
Übersetzung und eingehender Kommentierung zw ölf metrischer Inschriften.] — Walter
B e r s c h i n . Epitaphium als biograpische Form (S. 47-53). — Dorothea W a l z . Das Epita­
phium Vilithutae (Carmen IV, 26). Überlegungen zum Epitaphienbegriff des Venantius
Fortunatus (S. 55-68). — José M a r t í n e z G á z q u e z . Epitafios mozárabes (S. 69-87).
[Edition und Besprechung von acht Epitaphien.] — Sebastian S c h o l z . Papstepitaphien
vom VI. bis zum X. Jahrhundert. Eine Quellengattung zwischen „Memoria“, „Gesta“ und
„Vita“ (S. 89-106). — Josep M. E s c o l a T u s e t . L os epitafios de los condes catalanes
(S. 107-120). [Über zahlreiche (dichterische oder prosaische) Epitaphien katalanischer
Grafen des Hochmittelalters.] — Harald D r ö s . Biographisches in mittellateinischen
Grabinschriften Südwestdeutschlands (S. 121-132). [Hauptsächlich anhand von Mate­
rialien der Editionsreihe ‘Die Deutschen Inschriften’.] — Martin H e l l m a n n . Lehrer­
epitaphien (S. 133-150). [Betrifft die Texte ICL 6693 / 7703 / 11936 / 6984 / 16106 /
12120 / 12328 / 9652 / 3922 / 11968 / 13551 und andere.] — Dorothea W a l z . Agnolo
Manetti und die Epitaphiensamlung auf seinen Vater Giannozzo Manetti (S. 151-174).
[Mit Edition dieser Sammlung von 27 Memorialgedichten.]
Der literarischen Ekphrasis von Kunstwerken in den verschiedenen Literaturen wurde
im Jahre 2003 in Wien eine Tagung gewidmet, an der sich klassische Philologen, Mittel­
und Neulateiner, Byzantinisten, Slawisten, Germanisten, Anglisten und Romanisten
beteiligten. Von der großen Spannweite dieses Themas legt der jetzt vorliegende Akten­
band Zeugnis ab : Die poetische Ekphrasis von Kunstwerken. Eine literarische Tradition
der Großdichtung in Antike, Mittelalter und früher Neuzeit. [Herausgegeben von] Chri­
stine R a t k o w it s c h . (Österreichische Akademie der Wissenschaften, Philosophisch­
historische Klasse, Sitzungsberichte, 735). Wien: Verlag der Österreichischen Akademie
der Wissenschaften, 2006. 272 Seiten. ISBN 3-7001-3480-0. — An dieser Stelle seien
nur gerade die latinistischen Beiträge genannt : Christine R a t k o w it s c h . Die Gewebe in
Claudians Epos D e raptu Proserpinae - ein Bindeglied zwischen Antike und Mittelalter
(S. 17-42). [Betrifft. C l a u d , rapt. Pros. 1, 246-275 und 2, 36-54. Mit einem Ausblick auf
Bemardus Silvestris und Alanus ab Insulis.] — Werner T elesk o . Probleme der hochmit­
telalterlichen Ekphrasis am Beispiel des „Teppichs von Bayeux“ (S. 43-54, 1 Abb.). [Im
Mittelpunkt steht B a l d . B u r g . carm. 134, 463-472.] — Elisabeth K le c k e r . Tapisserien
Kaiser Maximilians. Zu Ekphrasen in der neulateinischen Habsburg-Panegyrik (S. 181202). [Mit einem Textanhang.]
Das Albertus-Magnus-Institut in Bonn, welches sich der Kritischen Edition der Werke
des Albertus Magnus widmet (zuletzt : ALMA 63, S. 277), hat kürzlich eine internationale
Tagung veranstaltet, an der es um die Rezeption des Aristotelismus in der europäischen
Philosophie des 12. und 13. Jahrhunderts ging. Die Ergebnisse sind in folgendem gewich­
tigen Band vorgelegt worden : Albertus Magnus und die Anfänge der Aristoteles-Rezep-
322
PETER STOTZ
tion im lateinischen Mittelalter. Von Richardus Rufus bis zu Franciscas de Mayronis /
Albertus Magnus and the Beginnings o f the Medieval Reception o f Aristotle in the Latin
West ... Herausgegeben von Ludger H o n n e f e l d e r , Rega W o o d , Mechthild D r e y e r ,
Marc-Aeilko A r i s . (Subsidia Albertina 1). Münster : Aschendorff, 2005. 862 Seiten. ISBN
3-402-03993-1. — Es versteht sich von selber, daß hier auf den Inhalt des Bandes als
ganzen nicht eingegangen werden kann ; vor allem soll auf Beiträge hingewiesen werden,
in denen das Textlich-Sprachliche besonders hohen Anteil hat. Nach einer Einführung in
das Gesamtthema (Ludger H o n n e f e l d e r ) geht es zunächst in einer Reihe von Beiträgen
um „Übersetzung und Überlieferung des Corpus Aristotelicum“. Hervorgehoben seien
daraus derjenige von Jozef B r a m s über den Einfluß der Aristoteles-Übersetzungen auf
den Rezeptionsprozeß und derjenige von Henryk A n z u l e w i c z über David von Dinant
und die Anfänge der aristotelischen Naturphilosophie (mit Textbeispielen). Innerhalb
des Großkapitels über „die Anfänge der Rezeption der aristotelischen Werke“ betrifft
ein längerer Abschnitt Albertus Magnus. Herausgegriffen seien hieraus die Beiträge von
Caterina R i g o über die Frage der Redaktion seiner Frühschriften und von Ruth M e y e r
über die Bemühungen von Schreibern, Korrektoren und Druckern um den Text seiner
Schrift ‘De sex principiis’. Unter den Aufsätzen über Johannes Rufus von Cornwall sei
derjenige von Elizabeth K a r g e r über dessen Stellung als Quelle für Albertus Magnus
genannt. Zahlreiche Studien gelten der „Rezeption der aristotelischen Disziplinen der
Philosophie“, nämlich der Logik, der Psychologie, der Ethik und der Metaphysik. Beson­
deres Interesse verdienen hier die Beiträge von Olga W e i j e r s , „The literary forms of
the reception of Aristotle : between exposition and philosophical treatise“, sodann derje­
nige von Hannes M ö h l e , , A ristoteles, pessim us metaphysicus. Zu einem Aspekt der
Aristotelesrezeption im 14. Jahrhundert“, welchem die kritische Edition der Distinctio
35 des Sentenzenkommentars ‘Ab oriente’ von Franciscas Mayronis beigegeben ist. Der
Band wird durch vier Aufsätze abgeschlossen, die „das aristotelische Philosophiever­
ständnis und seine Kritik“ betreffen ; hervorgehoben sei unter ihnen der Beitrag von Rolf
S c h ö n b e r g e r , ,Antiqui - philosophi - philosophantes. Die Philosophie als Problem im
13. Jahrhundert.“
Die Schrift De imitatione Christi’ des Thomas von Kempen (1379/80-1471) ist als
christliches Trostbuch epochenübergreifend, in verschiedenen Regionen und jenseits
konfessioneller Grenzen so sehr zum Allgemeingut geworden, daß der in der Verborgen­
heit lebende Gottesmann selber ganz in den Hintergrund trat. Schon jahrhundertelang
wird über seine Urheberschaft an der Tmitatio’ gestritten. Darüber hat man sich mit den
ändern Werken des Thomas viel zu wenig beschäftigt. 1902 hatte die Gesamtausgabe
der Werke des Thomas zu erscheinen begonnen (ed. Michael Joseph Pohl [1835-1922]
in sieben Bänden). Aus Anlaß der hundertjährigen Wiederkehr wurde 2002 eine Tagung
über Thomas von Kempen veranstaltet, deren Akten jetzt vorliegen : Aus dem Winkel
in die Welt. Die Bücher des Thomas von Kempen und ihre Schicksale. [Herausgegeben
von] Ulrike B o d e m a n n / Nikolaus S t a u b a c h . (Tradition - Reform - Innovation 11).
Frankfurt am Main: Lang, 2006. 289 Seiten. ISBN 3-631-54758-7. — Die ersten neun
Beiträge sind der Tmitatio Christi’ gewidmet. Nikolaus S t a u b a c h zeichnet den Streit
um ihre Verfasserschaft nach. Monika C o s t a r d stellt sie in den „Kontext spätmittelal­
terlicher Laienlektüre im Mutterland der D evotio moderna“. Werner W i l l i a m s - K r a p p
untersucht die süddeutschen Übersetzungen des Werks, während sich Martine D e l a v e a u
den französischen Übersetzungen des 17. Jahrhunderts widmet. Mit der Autorfrage in
CHRONIQUES ET COMPTES RENDUS
323
den Forschungen von Gaspare De Gregory (1768-1846) befaßt sich Mario O g l i a r o . In
dem Beitrag von Kenneth Michael B e c k e r geht es um die Heranziehung der Bibel in
der ‘Imitatio’. Paul v a n G e e s t geht den Einflüssen Augustins im Werk des Thomas von
Kempen nach. Charles M. A. C a s p e r s ermittelt die Stellung des 4. (bzw. 3.) Buches der
‘Imitatio’ (Devota exhortado ad sacram communionem) innerhalb der eucharistischen
Frömmigkeit, während Rudolf Th. M. v a n D i j k den Rang des 3 (bzw. 4.) Buches (Liber
interne consoladonis) innerhalb des Gesamtwerkes herausstellt. Zwei Beiträge betreffen
den ‘Dialogus noviciorum’ : Stefan S u d m a n n fragt nach dessen Textgestalt und -Über­
lieferung, Christoph F A S S E N D E R handelt von seiner Bearbeitung durch Thomas Finck.
Thom M e r t e n s widmet sich den ‘Sermones ad novicios regulares’. Ulrike H a s c h e r B u r g e r geht der Frage nach, ob die in einer Thomas-Handschrift aufgezeichneten Lieder
auf ihn selber zurückgehen ; sie läßt sich nicht mit Sicherheit beantworten. Gisela K o r n ­
r u m p f unternimmt eine kritische Musterung der von Pohl in die ‘Opera omnia’ aufge­
nommenen Cantica als solcher. Der Band schließt mit einer Würdigung des Editors der
Werke des Thomas von Kempen durch Ulrike B o d e m a n n .
An dieser Stelle sei auf eine bereits vor einiger Zeit erschienene F e s t s c h r i f t
aufmerksam gemacht, die einige Aufsätze aus dem Bereich des lateinischen Mittelal­
ters enthält. Sie ist dem Münchener Anglisten und Editions Wissenschaftler Hans Walter
Gabler gewidmet und enthält insgesamt 33 Beiträge, welche dem Münchener Graduierten­
kolleg „Textkritik als Grundlage und Methode historischer Wissenschaften“ entstammen :
Schrift - Text - Edition. Hans Walter Gabler zum 65. Geburtstag. Herausgegeben von
Christiane H e n k e s ... [et al.]. (Beihefte zu Editio 19). Tübingen: Niemeyer, 2003. VIII,
360 Seiten. ISBN 3-484-29519-8. — Kai H i l c h e n b a c h . Suspicabar enim, quod aliquid
ioculariter loqueretur. Witz und Humor bei Gregor von Tours? (S. 78-86). — Benedikt
Konrad V o l l m a n n . Edition von Texten mit hoher Überlieferungsdichte. Thomas’ von
Cantimpré De naturis rerum (Thomas III) als Musterfall (S. 87-96). — Thorsten B u r k ­
h a r d / Oliver H u c k . Die Edition von mittelalterlicher Fachprosa als interdisziplinäre
Aufgabe. Probleme der Autorschaft, Datierung und Methodik am Beispiel eines Trak­
tats aus dem 14. Jahrhundert (S. 97-112). [Betrifft einen musikologisch-poetologischen
Fachtext in Venedig, Bibi. Marc., CML cl. 12 nr. 97 ; mit Edition.] — Carmen C a r d e l l e
d e
H a r t m a n n . Die Roswitha-Edition des Humanisten Conrad Celtis (S. 137-147).
— Elke S e n n e . Überlieferung als Rezeption. Elisabeth von Schönau in der Wolhusener
Handschrift (S. 149-160). [Betrifft die alamannische Übersetzung der Visionen und
einiger Briefe Elisabeths.]
Im Folgenden sollen einige einschlägige M o n o g r a p h i e n vorgestellt werden :
Innerhalb der Geschichte der lateinischen Bibel im Mittelalter bildeten die lateinischen
Evangelienharmonien lange Zeit einen weißen Fleck, dies im Gegensatz zu deren großer
Bedeutung im Altsächsischen und Althochdeutschen. Dieser Forschungslücke wird
nunmehr abgeholfen mit folgender Untersuchung : Ulrich B. S c h m i d . Unum ex quattuor.
Eine Geschichte der lateinischen Tatianüberlieferung. (Vetus Latina. Die Reste der altla­
teinischen Bibel, Aus der Geschichte der lateinischen Bibel 37). Freiburg: Herder, 2005.
XIV, 401 Seiten. ISBN 3-451-21955-7. — Eingangs wird festgestellt, daß die Evangeli­
enharmonien lateinischerseits im 9. und dann wieder im 12./13. Jahrhundert eine Blüte­
zeit erlebten. Aus der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts gibt es dazu mehrere Kommentare.
Programm der vorliegenden Arbeit ist demgemäß, „ein Stück Überlieferungs- und Rezep­
tionsgeschichte des evangelischen Stoffes im mittelalterlichen Europa“ nachzuzeichnen.
324
PETER STOTZ
Ausgangspunkt ist die bekannte lateinische Tatianüberlieferung — mittelalterlich gesagt :
Unum ex quattuor — mit dem Codex Fuldensis von 546 (Fulda, Landesbibliothek,
Bonif. 1) als ältestem Textzeugen : dies die noch im 12. Jahrhundert maßgebende Text­
tradition. Die ältere These, ihr liege eine „alt-lateinische“ Harmonie mit vorhieronymianischem Textgut (und großer Nähe zu Tatians ‘Diatessaron’) voraus, wird im Zuge der
Untersuchung falsifiziert. Eine eingehende genealogische Untersuchung aller Textzeugen
vom 6. bis zum 14. Jahrhundert, durchgeführt anhand bestimmter Testperikopen, führt zu
dem Ergebnis, daß der Text des Codex Fuldensis der Ausgangspunkt ist. Dabei werden
einzelne Haupttypen unterschieden, so die von Zacharias Chrysopolitanus, die von
Petrus Cantor und die von Petrus Comestor verwendete Textform, ferner die ‘Münchener
Harmonie’ (13. Jahrhundert). In einem weiteren Kapitel werden die Rezeptionsformen
und die Funktionen der Harmonie(n) erörtert. Im 9. Jahrhundert stand ihr Gebrauch unter
dem Zeichen „Harmonie als Reliquie“ ; im 12./13. Jahrhundert dienten solche Texte der
Schullektüre, aber auch als „Medium persönlicher Frömmigkeit“. Anhangsweise werden
zahlreiche Materialien beigegeben, anhand deren die Ergebnisse überprüft werden
können.
Eine Vita Bischof Bern wards von Hildesheim (sedit 993-1022) hatte Thangmar, sein
seinerzeitiger Lehrer an der dortigen Domschule, noch zu dessen Lebzeiten begonnen.
Allerdings hat es überaus lange gedauert, bis die uns zugängliche Überlieferung einsetzt.
Der älteste erreichbare Textzeuge ist eine Redaktion, die 1192, bei Betreibung seiner
Kanonisation, in Rom vorgelegt wurde, doch sie stellt „eine Sackgasse der Überliefe­
rung“ dar, wurde allerdings in der noch immer maßgebenden Edition (G. H. P e r t z , MGH
SS 4, 1841, S. 754-782) übermäßig privilegiert. In letzter Zeit häuften sich die Funde von
Handschriften, welche ein weit differenzierteres Bild zu zeichnen erlauben, als es früher
möglich war. Dies wird, in Weiterführung der Forschungen von Marcus S t u m p f (vgl.
ALMA 56, S. 276), unternommen von: Martina G i e s e . Die Textfassungen der Lebens­
beschreibung Bischof Bemwards von Hildesheim. (Monumenta Germaniae Histórica,
Studien und Texte 40). Hannover : Hahn, 2006. XXVIII, 137 Seiten. ISBN 3-7752-57004. — Verarbeitet werden in diesen Überblick 27 Textzeugen ; ein neu hinzugekommener
konnte im Vorwort noch eben erwähnt werden. Schwerpunkt der Rezeption des Textes
— richtiger : dieser Kaskade von Textfassungen — ist geographisch Hildesheim, zeitlich
das 15. Jahrhundert. Doch erwies es sich, daß elf unterschiedliche Textstufen auseinan­
derzuhalten sind. Daraus ergeben sich für die Zukunft zahlreiche Forschungsaufgaben.
Eine der markantesten hochmittelalterlichen Schriftstellergestalten aus Lotharingien
ist Sigebert von Gembloux (um 1028-1112). Manche seiner Werke sind berühmt, so die
‘Chronica universalis’ oder De viris illustribus’ ; andere sind weniger bekannt. Vor uns
liegt eine schmale, doch sehr dichte Arbeit, eine Heidelberger Dissertation, worin dieje­
nigen Schriften Sigeberts, welche (in der einen oder ändern Weise) dem Genus Biogra­
phie angehören, gründlich untersucht und neu bedacht werden : Tino L i c h t . Untersu­
chungen zum biographischen Werk Sigeberts von Gembloux. Heidelberg: Mattes, 2005.
XII, 201 Seiten, Abb. ISBN 3-930978-76-8. — Einleitend ist vom Programm der Arbeit
und vom Stand der bisherigen Forschung die Rede, dann geht es um die Frage, in welcher
Form wir von Sigebert autographes Material haben (nach den Forschungen von André
B o u t e m y ) . Der Gang durch Sigeberts biographisches Schaffen geschieht auf der Grund­
lage seiner eigenen Biographie. Nach der Behandlung seiner Jugend- und Ausbildungs­
zeit in Gembloux geht der Blick auf die erste Station seiner literarischen Produktivität,
CHRONIQUES ET COMPTES RENDUS
325
St. Vinzenz in Metz, wo er von etwa 1048 bis 1071/72 als Scholaster wirkte. Aus dieser
Zeit stammt die Vita Bischof Dietrichs I. von Metz, die metrische Passio der heiligen
Lucia in alkäischen Strophen, nebst einem Excerptum über dieses Thema sowie einem
predigtartigen Translationsbericht, sodann die Vita des austrasischen Königs Sigiberts
III. (f6 5 6 ) und endlich das dichterische Metzer Städtelob. Die zweite Schaffenspe­
riode entspricht der Zeit nach seiner Rückkehr nach Gembloux. In diese Zeit fallen die
metrische Passio der Thebäischen Legion und die ‘Vita Wicberti’ samt den zugehörigen
Miracula, die allerdings höchstens teilweise auf ihn zurückgehen. (Die nur fragmenta­
risch bekannten Lectiones sancii Wicberti sind vielleicht erst bei der Elevatio von 1110
entstanden.) Kurz werden an dieser Stelle seine Offizien für Wicbertus und Maclovus
berührt. Eingehend zur Sprache kommen dann die ‘Gesta abbatum Gemblacensium’,
daran schließt sich die Behandlung der Maclovius- und der Theodardusvita sowie der
Doppelfassung der Lambertvita. Das letzte hier besprochene Werk ist der Schriftstel­
lerkatalog, an dem Sigebert bis gegen sein Lebensende gearbeitet hat. Lichts Arbeit ist
zunächst ganz den überlieferungsmäßigen, quellenkritischen, textphilologischen und
literaturgeschichtlichen Realien verpflichtet, doch immer wieder kommen auch übergrei­
fende Fragestellungen — zum Lebensgang des Autors und zu seiner äußeren und inneren
Entwicklung — zur Sprache.
Unter den vielerlei Arten lateinisch-vemakulärer Sprachmischung in Texten des
Mittelalters sind diejenigen im Umkreis der Liturgie besonders bemerkenswert. In der
folgenden Arbeit, hervorgegangen aus einer romanistischen Dissertation, wird der Frage
nachgegangen, welche Funktionen in solchen Texten dem Sprachwechsel bzw. der
jeweils anderen Sprache zugedacht sind: Gabriele K a p s . Zweisprachigkeit im paralitur­
gischen Text des Mittelalters. (Studia Romanica et linguistica 31). Frankfurt am Main:
Lang, 2005. 274 Seiten. ISBN 3-631-53960-6. — Nach einer grundsätzlichen Erörterung
des Themas wird anhand einer Reihe von Fallstudien — es geht dabei ausschließlich
um lateinisch-romanisches Material — ein „pragmatisch-ästhetischer Deutungsansatz“
erprobt. Begonnen wird mit den Laudes regiae von Soissons (783/787) mit tu lo(s) iuva,
dann folgt die berühmte Alba von Fleury (um 1000), inc. Phebi claro nondum orto iubare
— bei deren altokzitanischem Refrain Bezüge zu liturgischen Morgenhymnen herausge­
arbeitet werden — und schließlich der weihnachtliche ‘Cantique de l’Annonciation’ (um
1100), worin sich lateinische und poitevinische Strophen abwechseln ; dabei stellen die
volkssprachlichen Strophen ein Zwiegespräch zwischen Gabriel und Maria dar. Schon
hier bringt das dialogische Prinzip eine gewisse Nähe zu den Geistlichen Spielen mit
sich ; das zweite und dritte Drittel der Arbeit sind ganz dieser vielgestaltigen Gattung
gewidmet. Bei den einzelnen besprochenen Stücken ist der Anteil der beteiligten Spra­
chen recht unterschiedlich. Im ‘Sponsus’ (etwa 11. Jahrhundert) wird in den romanischen
Teilen, die keineswegs sekundär sind, Affektives ausgedrückt, so etwa in der rein roma­
nischen Händlerszene. Bei der ‘Suscitado Lazari’ des Hilarius (vgl. ALMA 50, S. 130f.)
ist auffällig, daß altfranzösische Refrains nur im ersten, der Trauer gewidmeten Teil
Vorkommen, nicht im zweiten, die Auferweckung vergegenwärtigenden Teil. Im gleich­
falls von Hilarius stammenden ‘Ludus super Iconia saneti Nicolae’ drücken die volks­
sprachlichen Refrains Trauer wie auch Freude aus. Im ‘Ludus Danielis’ von Beauvais
dienen die wenigen pikardischen Einsprengsel dazu, eine zweite Lebenswelt heraufzu­
führen. Ganz anders verteilt sind die Gewichte im ‘Ordo repraesentacionis Ade’ (auch
‘Jeu d’Adam’, 12. Jahrhundert) : Der Text ist im wesentlichen in anglonormannischer
326
PETER STOTZ
Sprache gehalten, dem Lateinischen sind liturgische Reservate (Responsorien) Vorbe­
halten. Und auch im ‘Ludus paschalis von Origny-Sainte-Benoîte’ (2. Hälfte des 13. Jahr­
hunderts) wird das dramatische Geschehen vorwiegend volkssprachlich ausgetragen.
Grenzüberschreitend in mehrerer Hinsicht ist die im Folgenden zu besprechende
Arbeit, hervorgegangen aus einer Tübinger Dissertation : Raphaela V e i t . Das Buch der
Fieber des Isaac Israeli und seine Bedeutung im lateinischen Westen. Ein Beitrag zur
Rezeption arabischer Wissenschaft im Abendland. (Sudhoffs Archiv, Zeitschrift für
Wissenschaftsgeschichte, Beihefte 51). Wiesbaden: Steiner, 2003. 335 Seiten. ISBN 3515-08324-3. — Diese Arbeit bewegt sich zugleich auf den Gebieten der Arabistik und
der Mediävistik, in den gleichermaßen anspruchsvollen Bereichen der Medizingeschichte
und der Philologie. Es geht um ein aus fünf Abhandlungen bestehendes Werk über die
Fieber ; die verschiedenen Arten von Fieber wurden im Altertum und Mittelalter als ein
Bündel eigentlicher Krankheiten betrachtet, nicht als Symptome für anderes. Isaac Israeli
war ein arabischer Arzt jüdischer Abstammung ; er lebte in der 2. Hälfte des 9. und der
1. Hälfte des 10. Jahrhunderts. Sein ‘Buch der Fieber’ wurde von Constantinus Africanus
etwa im Zeitraum 1078/1085 ins Lateinische übersetzt, ferner liegt eine altkastilische
Fassung (vielleicht aus der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts) vor. In der vorliegenden Arbeit
werden zunächst biographische Angaben zu Isaac und Constantinus gegeben, danach
werden die drei Fassungen präsentiert und einander gegenübergestellt, und zwar hinsicht­
lich der inhaltlichen Gesamtkonzeption anhand der Rubriken der einzelnen Abschnitte,
sodann anhand ausgewählter Textabschnitte, welche in einer Synopse dargeboten
werden, dies mit deutscher Übersetzung des arabischen Textes. In der zweiten Hälfte
der Arbeit wird die Rezeption des ‘Liber febrium’ im lateinischen Westen untersucht.
Dies zunächst anhand der Überlieferung — 52 Handschriften, dazu zwei Frühdrucke sind
davon bekannt — und anhand von Anhaltspunkten zu seinem Gebrauch im medizinischen
Unterricht, wie auch anhand seiner Kommentierung. Dann wird untersucht, wo überall
sich die Benutzung der Schrift in medizinischer Literatur des Abendlandes bemerkbar
macht, sei es innerhalb oder außerhalb der Schule von Salerno. Und schließlich befaßt
sich die Autorin mit der (möglichen) Rolle des ‘Liber febrium’ als Bestandteil anderer
medizinischer Traktate aus dem Umkreis des Constantinus, vor allem in gewissen Partien
der ‘Pantegni’.
Vor einiger Zeit erfuhren die ‘Gesta militum’ Hugos von Macon (Mitte des 13. Jahr­
hunderts) ihre editio princeps (vgl. ALMA 50, S. 132): eine aus rund 3000 Distichen
bestehende Dichtung, in welcher neun Erzählungen höfisch-volkstümlichen Einschlages
vereint sind. Dieser Text findet vom Standpunkt der Erzählforschung und der historischen
Rezeptionsforschung eine gründliche Untersuchung und Interpretation in der folgenden
Berliner Dissertation : Karoline H a r t h u n . Aventure und Askese. Die Gesta militum des
Hugo von Macon. (Spolia Berolinensia, Berliner Beiträge zur Geistes- und Kulturge­
schichte des Mittelalters und der Neuzeit 25). Hildesheim: Weidmann, 2005. 386 Seiten.
ISBN 3-615-00314-4. — In ihrer Studie ist es der Verfasserin darum zu tun, „das
Geflecht der unterschiedlichen Intentionen und Traditionen, die den Text ... bestimmen,
zu entwirren“. Dies unternimmt sie in verschiedenen Zugriffen. Zunächst klärt sie die
äußeren Gegebenheiten. Dann befaßt sie sich unter dem Titel „Corpus und Konzept“ u. a.
mit der Gattungsfrage, mit der Funktion des Werks, mit den Prologen der neun Bücher
und dem damit verbundenen Schema der Musen. Unter dem Titel Aventure leistet sie
— im Hauptteil ihrer Arbeit — die eigentliche Interpretationsarbeit ; dabei stellt sich als
CHRONIQUES ET COMPTES RENDUS
327
den Erzählungen gemeinsames Strukturprinzip die Gefährdung — durch ganz unter­
schiedliche Mächte — heraus. Sodann geht sie den einzelnen Strategien oder Argumentationsmustem des Autors nach, unter dem Titel „Dialoge“ den literarischen Einflüssen
und Vorbildern. Und schließlich beschäftigt sie sich mit der hier propagierten „Utopie der
ritterlichen A skese“, mit der Verpflichtung auf eine imitatio Christi. Rahmende Kapitel
führen in die Fragestellungen ein und fassen die Ergebnisse zusammen.
Ein kurzer Hinweis auf eine Monographie, die den katalanischen und lateinischen
Dialogen des Raimundus Lullus gewidmet ist : Roger F r i e d l e i n . Der Dialog bei Ramon
Llull. Literarische Gestaltung als apologetische Strategie. (Beihefte zur Zeitschrift für
Romanische Philologie 318). Tübingen: Niemeyer, 2004. VIII, 348 Seiten, 6 Abb. ISBN
3-484-52318-2. — Zunächst wird auf die Stellung des Dialogs im Frühchristentum und
im Mittelalter allgemein eingegangen, dann auf diese literarische Darstellungsform bei
Raimundus. Näher betrachtet werden in der Folge der ‘Llibre del gentil’, ein Religionsge­
spräch zwischen Christentum, Judentum, Islam und Heidentum, der ‘Liber Tartari et christiani’, eine Erörterung des christlichen Glaubens nach dem Symbolum athanasianum,
sodann, im Blick auf die Stellung des Autors als Dialogfigur, die Trostschrift ‘Consolatio
Venetorum’, und das Gedicht ‘Lo desconhort’. Im Weiteren wird Llulls ‘Disputado Fidei
et Intellectus’ behandelt, ebenso seine soliloquia-artigen ‘Gracions i contemplacions de
l’enteniment’. Im Anschluß an die Schlußbetrachtung über den „Llullschen Dialog als
M odell“ wird ein Katalog aller seiner Dialoge geboten — zwanzig lateinische stehen hier
sechs katalanischen gegenüber — , ferner eine Textedition der (bisher nur in Auszügen
gedruckten) ‘Consolado Venetorum’.
Ebenfalls nur summarisch sei hier auf eine (schon vor einigen Jahren erschienene)
Monographie über eine Schrift hingewiesen, die der Kanonist und päpstliche Diplomat
Antonio Roselli (1381-1466) der im 15. Jahrhundert höchst bedeutsamen Konzilsfrage
widmete. Die umfangreiche Arbeit geht auf eine an der Gregoriana eingereichte Disserta­
tion zurück : Thomas A. W e i t z . Der Traktat des Antonio Roselli De conciliis ac synodis
generalibus’. Historisch-kanonistische Darstellung und Bewertung. (Konziliengeschichte,
Reihe B : Untersuchungen). Paderborn : Schöningh, 2002. XLI, 463 Seiten. ISBN 3-50674728-2. — Nach einem biographischen Einstieg wird zunächst Rosellis Schrift ‘Monar­
chia’ besprochen, in welcher es um die Begründung der Machtstellung von Kaiser und
Papst geht. Die Behandlung des Konzilstraktates selber beginnt mit einem Blick auf
dessen Überlieferung und die Widmungsvorrede an den Dogen von Venedig. Danach
werden, entlang den quaestiones Rosellis, dessen inhaltliche Lehraussagen über Konzi­
lien — Einberufung, Teilnehmerkreis, Verhandlungsgegenstände, Vollmachten, Verhältnis
zum Papst u. a. m. — behandelt. Schließlich werden die Stellungnahmen anderer zeitge­
nössischer Autoren zum Verhältnis von Papst und Konzil erwähnt.
Der Windesheimer Augustiner-Chorherr Johannes Busch (1399-ca. 1480) gehört zu
den Gestalten, welche die D evotio moderna maßgeblich geprägt haben. Seine Tätigkeit
als Geschichtsschreiber dieser Bewegung wie auch als Reformer schlägt sich in seinen
Werken nieder, einesteils in seinem ‘Chronicon Windeshemense’, seinem ‘Liber de viris
illustribus’ (einer Sammlung von Chorherrenviten) und seinem ‘Liber de origine devocionis moderne’, andemteils im ‘Liber de reformatione monasteriorum’. Vor kurzem ist
— als überarbeitete Dissertation der Universität Münster — eine umfangreiche Arbeit
erschienen, in welcher der Gedankenwelt und den Intentionen Buschs nachgegangen wird,
wie sie in seinen Werken zutagetreten, aber auch den Wirkungen, welche diese ausgeübt
328
PETER STOTZ
haben : Bertram L e s s e r . Johannes Busch : Chronist der Devotio moderna. Werkstruktur,
Überlieferung, Rezeption. (Tradition - Reform - Innovation. Studien zur Modernität des
Mittelalters 10). Frankfurt am Main: Lang, 2005. 632 Seiten. ISBN 3-631-54555-X.
— Zunächst geht es darin um Buschs Selbstverständnis als Autor, anschließend um die
Anfänge der historiographischen Tradition im Windesheimer Klosterverband. Drei seiner
Werke werden einer ausführlichen Analyse unterzogen : der ‘Liber de viris illustribus’
unter dem Gesichtspunkt der „Suche nach dem vollkommenen Leben“, der ‘Liber de
origine devocionis moderne’ als Ausdruck der „Konstruktion des ‘Mythos W indesheim’“,
und der ‘Liber de reformatione monasteriorum’ als „exemplarisches Reformhandbuch
und missionarischer Tatenbericht“. Im Zeichen der „spirituellen Praxis und monastischen Theologie“ steht die Beschäftigung mit Buschs opera minora : den Predigten, den
Briefen und seinen ‘Soliloquia’. In all ihren Einzelheiten wird sodann die handschrift­
liche Überlieferung seiner Werke aufgearbeitet und wird ihrer Rezeption nachgegangen.
Eine Schlußbetrachtung ist überschrieben mit „Johannes Buschs D evotio-m odem a-Bild
und sein Erfolg“. Anhangsweise sind einige Editionspartien beigegeben, nämlich : ‘Liber
de origine devocionis moderne’, Kap. 46 in erweiterter Form, eine Aufstellung über die
Konventsgröße der einzelnen Klöster nach einer Handschrift des ‘Liber de reformatione
monasteriorum’ und schließlich die Geschichte des Klosters Hulsbergen. Der Verfasser
dieser umfangreichen Arbeit bereitet eine kritische Edition des ‘Liber de reformatione
monasteriorum’ vor.
Die Werke des Enea Silvio Piccolomini (Pius II., 1405-1464), lange Zeit vernach­
lässigt, erfreuen sich in neuester Zeit vermehrter Aufmerksamkeit. Dies gilt etwa für
seine ‘Epistola ad Mahumetem’ (s. ALMA 60, S. 271 f.), für die ‘Historia Bohémica’ (s.
ALMA 63, S. 283) und anderes. Auch von seiner ‘Historia Austrialis’ wird gegenwärtig
eine kritische Edition erarbeitet. Eine gewichtige Vorstudie hierzu bildet die folgende,
2001 eingereichte, für den Druck stark erweiterte Wiener Dissertation: Martin W a g e n d o r f e r . Studien zur Historia Austrialis des Aeneas Silvius de Piccolominibus. (Mittei­
lungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, Ergänzungsband 43). Wien
/ München: Oldenbourg, 2003. 224 Seiten. ISBN 3-7029-0473-5 (Wien) bzw. 3-48664850-0 (München). — Die Arbeit besteht aus drei Studien, die untereinander nicht näher
verbunden sind. Zunächst wird mit großer Gründlichkeit den überaus komplexen Über­
lieferungsverhältnissen dieser Schrift nachgegangen. Die ‘Historia Austrialis’ befand
sich während eines längeren Zeitraumes (zwischen 1453 und 1458) in Ausarbeitung ; drei
Redaktionen lassen sich unterscheiden. Die mittlere Redaktionsstufe ist handschriftlich
am breitesten überliefert. Die dritte Stufe scheint in den Augen des Autors die endgül­
tige gewesen zu sein, doch brachte er im Nachhinein allerorten unausgesetzt Änderungen
an, vorzugsweise zur Erzielung eine klassischeren Ausdrucksweise. Die zweite Studie
betrifft einen ausgedehnten Exkurs über die Staufer. Einesteils werden die dafür benützten
Quellen (Otto von Freising, Flavio Biondo, Johann von Viktring) erörtert, andemteils
die Funktion dieser Partie innerhalb der ‘Historia Austrialis’. In eine andere Richtung
führt die dritte Studie : Sie gilt der Rezeption antiker Autoren, exemplarisch vorgeführt
am Beispiel Sallusts, den Enea Silvio gerade an Schlüsselstellen seines Werkes mit ganz
bestimmten Zielsetzungen heranzieht.
Nun soll von einer die S p r a c h w i s s e n s c h a f t
betreffenden Studie die
Rede sein : Wir alle wissen, daß uns unsere Texte einen wichtigen Anwendungsbereich
des Lateinischen im Mittelalter weitgehend vorenthalten, oder daß sie uns nur in Andeu­
CHRONIQUES ET COMPTES RENDUS
329
tungen darüber Auskunft geben : gemeint ist der mündliche Gebrauch des Lateinischen.
Doch unter kommunikationswissenschaftlichem Blickwinkel bringt man seit einiger Zeit
der Mündlichkeit — und dem Spannungsfeld zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit
— vermehrtes Interesse entgegen, und auch die Zunft der mittellateinischen Philologen
ist an den laufenden Diskussionen beteiligt. So hat Thomas Haye vor einigen Jahren der
gelebten rhetorischen Praxis in lateinischer Sprache eine Monographie gewidmet (vgl.
ALMA 57, S. 332f.), und derselbe Forscher legt nunmehr eine neue Studie zu diesem
Thema vor: Thomas H a y e . Lateinische Oralität. Gelehrte Sprache in der mündli­
chen Kommunikation des hohen und späten Mittelalters. Berlin: de Gruyter, 2005. VI,
176 Seiten. ISBN 3-11-018569-5. — Eingangs werden einige Grundgegebenheiten erör­
tert: D ie mündliche Kommunikation in lateinischer Sprache wird in unseren Quellen
vielfach gar nicht bedacht ; bei der Erzählung von Kommunikationssituationen wird die
Sprache oft nicht genannt. Lateinische Oralität ist zufolge der schriftgestützten Vorbe­
reitung hinsichtlich der sprachlichen und rhetorischen Kompetenz der natürlichen Spon­
taneität enthoben ; sie ist eine „Prestigesprache“. Auch wenn bei ändern gewisse Defi­
zite im mündlichen Lateingebrauch gerügt werden, geht es mitunter darum, jemanden
auf diese Weise gezielt zu verunglimpfen. Beim mündlichen Lateingebrauch, etwa bei
dem Vorlesen eines Textes, wird das Kommunikationsziel bisweilen erst im Nachhinein
durch eine volkssprachliche Übersetzung oder Paraphrase erreicht. Bei der Schilde­
rung lateinischer Ansprachen an eine größere Zuhörerschaft muß unterschieden werden
zwischen dem Sprechen v o r und dem Sprechen z u jemandem. In einem zweiten
Teil setzt sich der Verfasser mit normativen Traktaten und gewissen Modellen münd­
lichen Lateingebrauchs auseinander, dies in ganz bestimmten kommunikativen Feldern :
im Gerichtswesen, im kurialen Zeremoniell, auf Provinzialkonzilien, in der Diplomatie,
im klösterlichen Alltag und in der akademischen Rede. Zu all diesen Gebieten werden
textliche Bezugspunkte namhaft gemacht. Und schließlich führt der Verfasser acht histo­
rische Fallstudien aus dem Hoch- und Spätmittelalter vor, von einem Auftritt Hariulfs
von Saint-Riquier in Rom (1141) über den Lateingebrauch Petrarcas in Paris (1361) bis
hin zu den Verhandlungen des Regensburger Reichstages von 1471.
Zwei Neuerscheinungen beschlagen die h i s t o r i s c h e L e x i k o g r a p h i e :
Im Spätmittelalter wurden, wie allgemein bekannt, überaus viele lateinisch-volkssprachliche Wörterbücher produziert. Böhmen nimmt hierbei dadurch eine Sonderstel­
lung ein, daß dem Lateinischen zwei unterschiedliche Volkssprachen, das Deutsche und
das Tschechische, gegenüber stehen. Für angehende Herrscher, so für den als Jüngling
verstorbenen Ladislaus Postumus (1440-1457 lebend), sodann für Maximilian I. wurden
besonders schöne Exemplare solcher Wörterbücher angefertigt. Ihnen ist die folgende
Arbeit gewidmet : Oskar P a u s c h . Imperator - Kaiser - Cyesars. Die dreisprachigen
Vokabulare für Ladislaus Postumus und Maximilian I. Mit einem Beitrag von Alois
H a i d i n g e r . (Österreichische Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-historische
Klasse, Denkschriften 321 = Veröffentlichungen der Kommission für Schrift- und Buch­
wesen des Mittelalters, Reihe I V : Monographien, 3). Wien: Österreichische Akademie
der Wissenschaften, 2004. 352 Seiten, 44 Abb. auf XXVIII Tafeln. ISBN 3-7001-3294-8.
— Als Ladislaus 1453 zum König von Böhmen gekrönt wurde, hat man ihm ein latei­
nisch-deutsch-tschechisches Glossar überreicht. Darin folgt auf einen umfangreichen
alphabetischen Teil ein kurzer nach (nicht angegebenen) Sachgruppen geordneter Teil.
Wenige Jahre danach starb der König, und dieses Glossar gelangte an den Prinzener-
330
PETER STOTZ
zieher Johannes Holubar (Holubarglossar A). Dessen alphabetischer Hauptteil wurde
(vor 1468) für Maximilian I. abgeschrieben (Holubarglossar B). Die beiden Versionen
werden hier unter Nr. 10 synoptisch ediert (die Varianten der Version B : Kursivdruck).
Die zugehörigen Handschriftenbeschreibungen finden sich unter Nr. 1 (A, verfaßt von
Alois H a i d i n g e r ) und Nr. 4 (B). Ergänzend werden zu A sprachlich-inhaltliche Anmer­
kungen bereitgestellt (Nr. 2) und zu dem genannten Prinzenerzieher werden biographische
Angaben geliefert (Nr. 3). Geraume Zeit danach, 1489, wurde Maximilian I. ein anders
angelegtes dreisprachiges Glossar überreicht, der ‘Trialogus’ (Einführung : Nr. 5). Auch
er ist zweigeteilt: Der umfangmäßig weit überwiegende erste Teil ist nach Sachgruppen
(die hier mit Titeln gekennzeichnet sind) gegliedert; daran schließt sich eine alphabe­
tisch geordnete Verbenliste. Hervorgehoben sei die Einzelheit, daß als die Hauptquelle
des ‘Trialogus’ ein lateinisch-tschechisches Glossar aus der Zeit Karls IV. in metrischer
Form, der sog. ‘Claretus’, ermittelt worden ist. Eng verwandt mit dem Sachgruppen­
glossar des ‘Trialogus’ ist der 1513 gedruckte ‘Dictionarius trium linguarum’ (Einfüh­
rung : Nr. 6). Beide Texte werden hier als Nr. 11 synoptisch ediert (die Abweichungen im
‘Dictionarius . . . ’ kursiv). Die opulenten Tafelbeigaben vermitteln eine Vorstellung von
der Pracht der für Herrscher hergestellten Glossarhandschriften.
Eines der zahlreichen lateinisch-deutschen Wörterbücher des ausgehenden Mittelal­
ters geht auf Wenzeslaus Brack (t 1495) zurück, einen aus Sachsen stammenden Leiter
der Domschule in Konstanz, der zuvor an der Universität Basel studiert hatte. Zunächst
für seine Schüler stellte er ein Kompendium zusammen, das aus fünf Teilen besteht.
Das Konglomerat wird ‘Vocabularius rerum’ benannt, dies nach seinem ersten Bestand­
teil, einem umfangreichen Nominalglossar mit deutschen Interpretamenten und / oder
lateinischen Erklärungen, eingeteilt in 105 Sachbezirke. Daran schließen sich zwei
je recht kurze Ergänzungen an: zunächst ein nach I s i d . orig. 10 gearbeitetes alphabe­
tisches Glossar, dann eine gleichfalls alphabetisch geordnete Liste von Verben. Darauf
folgt ein von Brack verfaßter Traktat De modo epistolandi’, und den Abschluß bildet
das ‘Didascalicon’ Hugos von St-Victor. Dieses Kompendium erfuhr im Zeitraum von
1483 bis 1512 zehn Drucke. Die ersten drei, also die lexikographischen Bestandteile,
sind kritisch ediert in der folgenden Arbeit, die auf eine Münsteraner germanistische
Dissertation zurückgeht : Nina P l e u g e r . Der Vocabularius rerum von Wenzeslaus Brack.
Untersuchung und Edition eines spätmittelalterlichen Kompendiums. (Studia linguistica
Germanica 76). Berlin: de Gruyter, 2005. XI, 488 Seiten, Abb. ISBN 3-11-018317-X.
— Die Verfasserin beschäftigt sich zuerst mit Brack selber, besonders auch mit dessen
Bibliothek, sodann mit den einzelnen Textzeugen des Kompendiums. Das Schwergewicht
der Untersuchungen liegt auf den drei lexikographischen Bestandteilen; dabei nimmt
die Bestimmung der Quellen und andererseits die Art der Wiedergabe in den deutschen
Interpretamenten den größten Raum ein. Kurz wird noch auf Bracks Brieftraktat sowie
auf das ‘Didascalicon’ eingegangen. A uf den Editionsteil folgen detaillierte Register und
sonstige Verzeichnisse, die ungefähr ein Drittel des Bandes einnehmen.
Nicht unter den Tisch fallen sollen die folgenden t e x t k r i t i s c h - s p r a c h ­
l i c h e n Miszellen : Heinz Erich S T I E N E . Ultramarina agmina. Plädoyer für eine
vergessene Lesart im Planctus de obitu K aroli. (Eranos 102, 2004, S. 105-108). Dies
ist ein Verbesserungsvorschlag gegenüber der Edition dieses Textes in MGH Poetae 1,
S. 434-436, Str. 2, 1, demnach: Ultramarina (nicht: ultra marina) agmina tristitia tetigit.
— D e r s e l b e . Desurgo bei Horaz und Einhart. (Rheinisches Museum für Philologie,
CHRONIQUES ET COMPTES RENDUS
331
Neue Folge 148, 2005, S. 423-427). Ausgehend von Einh. Karol. 24, und unter Rück­
blick auf zahlreiche antike Stellen, wird desurgere (und desurrectio) in einer prägnanten
Anwendung behandelt, nämlich im Sinne von ‘nächtens aufstehen, um die Notdurft zu
verrichten’.
Unter der Rubrik N a c h s c h l a g e w e r k e läßt sich auf einen Abschluß und eine
Neuerscheinung hinweisen : Vor kurzem wurde die Neubearbeitung des (auch) für Mittel­
lateiner so wertvollen „Verfasserlexikons“ abgeschlossen: Die deutsche Literatur des
Mittelalters. Verfasserlexikon. Begründet von Wolfgang S t a m m l e r , fortgeführt von Karl
L a n g o s c h . Zweite, völlig neu bearbeitete Auflage, unter Mitarbeit zahlreicher Fachge­
lehrter herausgegeben von Burghart W a c h i n g e r ... [et al.]. Redaktion: Christine S t ö l l i n g e r - L ö s e r . [Herausgeberschaft und Redaktion variierend.] 11 Bände (11 : Nachträge
und Korrekturen). Berlin: de Gruyter, 1978-2004. (Angekündigt ist für später noch ein
zwölfter Band, das Register enthaltend.) Hierzu hat nun eine willkommene Fortsetzung
für die daran anschließenden Jahrzehnte zu erscheinen begonnen ; sie umfasst somit „die
Glanzzeit des deutschen Humanismus“ : Deutscher Humanismus, 1480-1520. Verfasser­
lexikon. Herausgegeben von Franz Josef W o r s t b r o c k . Berlin : de Gruyter, 2005ff. ISBN
der 1. Lieferung : 3-11-017572-X. — Das Werk ist als Ergänzung des vorigen gedacht
und stimmt nach Konzeption und Aufmachung mit ihm überein. Es ist auf zwei Bände zu
je vier Lieferungen veranschlagt. Die zwei bisher erschienenen Lieferungen führen bis
in die Mitte des Buchstabens E. Daraus einige Beispiele für bekanntere lateinisch schrei­
bende Autoren : Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim, Johannes Aventinus, Hein­
rich Bebel, Sebastian Brant, Hermannus Buschius, Johannes Butzbach, Konrad Celtis,
Johannes Cochlaeus, Euricius Cordus, Laurentius Corvinus, Johannes Cuspinianus.
An dieser Stelle kann auf einige neue H i l f s m i t t e l hingewiesen werden : Eine für
die kanonistische Quellenforschung höchst nützliche Handreichung ist : Linda F o w l e r M a g e r l . Clavis canonum. Selected canon law collections before 1140. Access with data
processing. (Monumenta Germaniae Histórica, Hilfsmittel 21). Hannover : Hahn, 2005.
282 Seiten, 1 CD-ROM. ISBN 3-7752-1128-4. — In dieser Datenbank haben alle syste­
matisch aufgebauten kirchenrechtlichen Sammlungen bis 1140 Aufnahme gefunden, 106
an der Zahl, und zwar mit Fundort, Verfassergruppe, Incipit, Explicit, Überschrift und
Rubrik der einzelnen Kanones, allenfalls noch mit zusätzlichen Informationen. In dem
die CD-ROM begleitenden Band findet sich, abgesehen von der Gebrauchsanleitung und
Siglenverzeichnissen, eine eingehende Beschreibung all dieser Sammlungen.
Erneut — und insgesamt bereits zum vierten Mal (vgl. ALMA 59, S. 285) — ist zur
nachantiken Epigraphik ein Literaturbericht erschienen, in welcher der Ertrag von fünf
Jahren Forschungsarbeit erschlossen wird: Literaturbericht zur mittelalterlichen und
neuzeitlichen Epigraphik (1998-2002). Von Walter K o c h und Franz-Albrecht B o r n ­
s c h l e g e l . (Monumenta Germaniae Histórica, Hilfsmittel 22). Hannover : Hahn, 2005.
519 Seiten. ISBN 3-7752-1129-2. — Die einzelnen Sachgruppen werden teils in Form
einer bibliographie raisonnée, teils in Form eines zusammenhängenden Referates behan­
delt. Hervorgehoben sei der Bericht über „Sprache, Formular, Metrik, mentalité“. Die
Publikation wird durch verschiedene Register erschlossen. In das Personen- und Sachre­
gister sind auch die behandelten Vokabeln und Formeln eingegangen.
Des weiteren sei erwähnt, daß von Bernhard Bischoffs Handschriftenkatalog (vgl.
ALMA 57, S. 335f.) inzwischen der zweite Band erschienen ist: Bernhard B i s c h ö f e .
Katalog der festländischen Handschriften des neunten Jahrhunderts (mit Ausnahme der
332
PETER STOTZ
wisigotischen). Teil II : Laon-Paderbom. Aus dem Nachlaß herausgegeben von Birgit
E b e r s p e r g e r . (Bayerische Akademie der Wissenschaften: Veröffentlichungen der
Kommission für die Herausgabe der mittelalterlichen Bibliothekskataloge Deutschlands
und der Schweiz). Wiesbaden: Harrassowitz, 2004. XXIII, 451 Seiten. ISBN 3-44704750-X. — Der Band enthält auch Nachträge zu Band II (Aachen-Lambach). — Vgl.
im übrigen den weiter unten erwähnten Aufsatz von Hartmut H o f f m a n n im ‘Deutschen
Archiv . . . ’.
Unseren Blick auf die Z e i t s c h r i f t e n beginnen wir wie immer mit dem
‘ M i t t e l l a t e i n i s c h e n J a h r b u c h ’ : Aus Band 40, Heft 3 (2005) seien
folgende Beiträge hervorgehoben : J. Cornelia L i n d e . Die ‘Rethorici colores’ des Magi­
sters Onulf von Speyer (S. 333-381). [Neuedition von O n u l f . rhet. (bisher nach der
Ausgabe von Wilhelm W a t t e n b a c h von 1894 zu benützen), mit einleitenden Kapiteln
zum Autor, zur Überlieferung (Wien, ÖNB 2521, aus Bamberg), zu Aufbau und Form,
Einordnung und Datierung des Werks, über dessen Verhältnis einerseits zur ‘Rhetorica
ad Herennium’, andererseits zu Marbod von Rennes, De omamentis verborum’, weiter
zu den Quellen sowie zu Versbau und Reim.] — Susanne D a u b . Carmen Buranum 89
(S. 383-395). [Mit Neuedition und Übersetzung.] — Robert G. B a b c o c k . Aegidius Bene­
ventana and the ‘Epistule’ o f Mathew o f Vendôme (S. 397-405). [Aegidius von Benevent (Mitte 13. Jh.) nahm in sein Florilegium (überliefert in Yale Univ., Beinecke Libr.,
Marston 119 / Oxford, Balliol Coll. 281) eine Anzahl Stellen aus den Briefen des Matt­
häus auf ; sie werden hier ediert.] — Cristiana S o g n o . Aegidius Beneventanus and the
‘Epistulae’ o f Q. Aurelius Symmachus (S. 407-416). [Das Entsprechende für diese Brief­
sammlung aus der römischen Kaiserzeit.] — Carmen C a r d e l l e d e H a r t m a n n . Die
‘Processus Satanae’ und die Tradition der Satansprozesse (S. 417-430). — Paul Gerhard
S c h m i d t . Editoren als Zensoren (S. 431-443). — Hinzu kommt ein Aufsatz über einen
spätmittelalterlichen Schreibmeister (Norbert S c h n e i d e r ) . — An der Spitze des Bandes
steht ein Nachruf auf Agostino Sottili (1939-2004), Inhaber des Lehrstuhls für mittelal­
terliche und humanistische Philologie an der Katholischen Universität Mailand, aus der
Feder von Paul Gerhard S c h m i d t .
In Heft 1 des 41. Bandes (2006) handeln folgende Beiträge von sprachlich-textli­
chen Themen : Sam B a r r e t t . The Rhythmical Songs o f Paulinus o f Aquileia : Musical
Examples (S. 23-31). [Ergänzung zu einem früheren Aufsatz mit diesem Titel (vgl. ALMA
63, S. 294).] — Thomas K l e i n . Hallenser Studien zum christlichen Ovid des Mittelalters
(S. 33f.). [Bericht über eine forscherische Initiative, in deren Gefolge in lockerer Folge
Beiträge zu Ovid-Pseudepigraphen publiziert werden, als erster der folgende Beitrag.] —
Vinko H i n z . Kann denn Liebe Sünde sein? Kleriker im Gefolge der Venus beim mittel­
alterlichen Ovid (S. 35-52). [Über die pseudo-ovidianische Dichtung De distributione
mulierum’, inc. Rebus in humanis non est res altera talis (Walther, Initia Nr. 16438 [+
Ergänzung]) ; Einleitung / Edition / Kommentar.] — Reinhold W o l f f . Unterwegs vom
mittelalterlichen Predigtmärlein zur Novelle der Frühen Neuzeit: die Erzählsammlung
‘Compilado singularis exemplorum’ (S. 53-91). [Diese sehr umfangreiche Sammlung
von Exempla wurde zu Ende des 13. Jahrhunderts in Frankreich zusammengetragen und
ist in drei Handschriften überliefert ; im Nachlaß von Alfons H i l k a fand sich ein unge­
drucktes Editionsmanuskript. Mit Edition der Ordinacio tractatus istius libri, d. h. der
„systematischen“ Übersicht der Sammlung.] — Carsten W o l l i n . Geschichten aus der
‘Compilado singularis exemplorum’ (S. 77-91). [Edition von 31 Nummern aus dieser
CHRONIQUES ET COMPTES RENDUS
333
Sammlung, nach H i l k a s Manuskript.] — Matthias F r i t z . Mittellateinisch anxerinus in
Cristoforo Buondelmontis ‘Liber insularum Archipelagi’ : Sprachwissenschaft und Text­
kritik (S. 93-96). [Betrifft eine Beschreibung der Inseln des östlichen Mittelmeers von
1420; hier ein bestimmtes Textproblem.] — An der Spitze des Heftes steht ein Aufsatz
über „Textualität, Fiktionalität, Konzeptionalität“ bei mittelalterlichen Geschichtsschrei­
bern von Hans-Werner G o e t z .
Das 2. Heft dieses Bandes enthält die Beiträge : Antonino G r i l l o n e . Apporti al testo
dell’ ‘Orestis tragoedia’ di Draconzio dal Novecento ad oggi (S. 165-186). — Rainer
J a k o b i . Zum Humanismus St. Columbans (S. 187-191). [Betrifft einige Äußerungen
in C o l u m b . epist. 1.] — Günther B i n d i n g . Bischof Bern ward von Hildesheim und die
Dachziegel. Zur Bedeutung von tegula, later, laterculus und imbrex (S. 193-208, 7 Abb.).
— Wilken E n g e l b r e c h t . Carmina Pieridum multo vigilata labore / exponi, nulla certius
urbe reor. Orléans and the reception of Ovid in the aetas Ovidiana in school commen­
taries (S. 209-226). — Franz Josef W o r s t b r o c k . Album (S. 247-264). [Eine Geschichte
dieses lateinischen Wortes und seiner Anwendungen.] — Jan Ö b e r g . Albertus Pictor —
Perlensticker, Kirchenmaler, Orgelspieler, Lateinkundiger (S. 265-272). [Es handelt sich
um einen aus Deutschland in Schweden eingewanderten Kunsthandwerker (um 1440um 1509).] — Ferner findet sich darin ein Aufsatz über das Konzept der Freundschaft
im ‘Engelhard’ Konrads von Würzburg (Albrecht C l a s s e n ) sowie ein Bericht über ein
Kolloquium über Handschriftenkatalogisierung (Bettina W a g n e r ) .
In Band 118 (2005) der ‘ W i e n e r S t u d i e n ’ betrifft folgender Beitrag das
lateinische Mittelalter : Heinz Erich S t i e n e . Drei Beobachtungen zu karolingischen
Gedichten (S. 193-211). [1 : Zum Epitaph des Paulus Diaconus auf Karls Tochter Hilde­
gard ( P a u l . D i a c . carm. 28 N.) / 2 : Die Bibeldichtung des Alcimus Avitus im Werk des
Petrus von Pisa (betrifft zwei Stücke des Petrus, ediert in P a u l . D i a c . carm. 17 und 38 N.)
/ 3 : Vatorum - ein Solözismus als Spur zu einer Dichterfeindschaft am Hof Karls des
Großen. Betrifft A n g i l b . carm. 2 (MGH Poetae 1, S. 360-363) und A l c u i n . carm. 42, im
übrigen T h e o d u l f . carm. 25 und andere Texte ; Thema im Hintergrund : die vermutete
Antinomie zwischen Alkuin und Theodulf.]
Aus Jahrgang 61 (2005) des ‘ D e u t s c h e n A r c h i v s für Erforschung des
Mittelalters’ seien folgende Artikel herausgegriffen : Hubert M o r d e k . Karls des Großen
zweites Kapitular von Herstal und die Hungersnot der Jahre 778/779 (S. 1-52). [Mit
Edition.] — Hartmut H o f f m a n n . Zum 2. Band von Bernhard Bischoffs „Katalog der
festländischen Handschriften des 9. Jahrhunderts“ (S. 53-72, 3 Abb.). [Verbesserungen
zu dem oben unter „Hilfsmittel“ erwähnten Band.] — Benedikt Konrad V o l l m a n n .
Gesta Berengarii und Waltharius-Epos (S. 161-164). [Entgegnung auf den gleichenorts
in Band 58 erschienenen Beitrag mit diesem Titel von Peter Christian J a c o b s e n (vgl.
ALMA 62, S. 267).] — R. B. C. H u y g e n s . Editorisch Verfehltes zum Hospital von
Jerusalem (S. 165-167). [Bezieht sich auf: Alain B e l t j e n s , Le récit d’une journée au
grand hôpital de Saint-Jean de Jérusalem sous le règne des derniers rois latins ayant
résidé à Jérusalem, ou le témoignage d’un clerc anonyme conservé dans le manuscrit
Clm 4620 de Munich (Société de l ’Histoire et du Patrimoine de l’Ordre de Malte, Nr. 14,
Numéro spécial, 2004).] — Raymund K o t t j e . Das älteste Zeugnis für das Paenitentiale
Cummeani (S. 585-589). [Betrifft ein Pergamentfragment des Hessischen Staatsarchivs
zu Marburg.]
334
PETER STOTZ
Aus Band 32/1 (2005) der Zeitschrift ‘ F r a n c i a ’ seien folgende Beiträge
genannt: Silvie J o y e . Basine, Radegonde et la Thuringe chez Grégoire de Tours (S. 118). — Jacques D a l a r u n . Nouveaux aperçus sur Abélard, Héloïse et le Paraclet (S. I9­
60, Planches 1-8). [Betrifft in der ersten Hälfte die Handschrift Troyes, Bibi. mun. ms.
802.] — Wolfram D r e w s . Propaganda durch Dialog. Ein asymmetrisches ‘Selbstge­
spräch’ als Apologie und berufliche Werbestrategie in der Frühscholastik (S. 67-89).
[Betrifft die ‘Dialogi’ des Petrus Alfonsi.] — Emst T r e m p . Wunder und Wallfahrt. Das
Marienheiligtum von Lausanne nach den Mirakelberichten im Chartular Conos von Estavayer (1232-1242) (S. 91-119,7 Abb.). [Mit Edition eines Mandats Bischof Peters II. von
Grenoble (1236).] — Philippe B e r n a r d . Sanctus Gregorius papa. Le Missale Gothicum
et le culte du pape Grégoire le Grand dans la Gaule de la fin du v n e siècle (S. 167-183).
Im 38. Band (2004) der ‘ F r ü h m i t t e l a l t e r l i c h e n S t u d i e n ’ finden
sich nebst anderen folgende Aufsätze : Bernhard P a b s t . Ideallandschaft und Ursprung
der Menschheit. Paradieskonzeptionen und -lokalisiemngen des Mittelalters im Wandel
(S. 17-53, Taf. If.). [Gearbeitet wird anhand von Äußerungen von Wilhelm von Conches,
Bemardus Silvestris, Alanus ab Insulis, Wilhelm von Auvergne, Michael Scotus, Albertus
Magnus, Johannes Duns Scotus, Johannes von Marignola und solchen vieler anderer.] —
Zbigniew D a l e w s k i . Ritual im Text. Gallus Anonymus und die dynastischen Konflikte
im Polen des früheren Mittelalters (S. 135-151). — D ie zweite Hälfte des Bandes
(S. 277-491) vereinigt die Akten einer Tagung über „Öffentlichkeit und Schriftdenkmal
in der mittelalterlichen Gesellschaft“, die (im Rahmen des Sonderforschungsbereiches
496) 2003 in Münster stattgefunden hatte ; daraus seien folgende Beiträge hervorge­
hoben : Benoît-Michel T o c k . La mise en scène des actes en France au Haut Moyen Age
(S. 287-296). — Peter W o r m . Alte und neue Strategien der Beglaubigung. Öffentlichkeit
und Königsurkunde im frühen Mittelalter (S. 297-308 ; Taf. XII-XVII). — Uta K l e i n e .
Stumme Seiten. Beobachtungen und Thesen zu Herstellung und Gebrauch von hagiographischen Büchern im Hochmittelalter (S. 371-391).
Aus Band 116 (2005) der ‘ S t u d i e n u n d M i t t e i l u n g e n zur Geschichte
des Benediktinerordens und seiner Zweige’ verdienen folgende Beiträge hier Erwähnung :
Elmar H o c h h o l z e r . Ein Martyrologfragment aus Regensburg mit irischen Heiligen aus
dem 11. Jahrhundert (S. 33-66, 2 Abb.). [Mit Edition.] — Emst T r e m p . Ekkehart IV.
von St. Gallen ( f um 1060) und die monastische Reform (S. 67-88). — Anette L ö f f l e r .
Laudare deum altissimum. Eine medizinische Handschrift aus dem Kloster Nienburg
(S. 291-299). [Betrifft Leipzig, Univ’bibl. Ms. 1131.]
Peter S t o t z
Universität Zürich
Fly UP